Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNENDEKORATION

XIX. SflHRGHIlG. üarmltadi 1908. OKTOBER»H£n\

Das Haupt-Restaurant der Ausstellung München 1908.

ERBAUT VON ARCHITEKT PROFESSOR EMANUEL VON SEIDL.

Emanuel von Seidl gehört zu den seltenen Künstlern,
die den Fabrikbetrieb selbst heute noch ver-
schmähen; seine Kunst ist ihm viel mehr eine Lebens-
notwendigkeit als das bekannte Rechenexempel mit dem
klirrenden Unterton ... Er schafft, weil er muß und
es hat ihn auch Mühe gekostet, seine heutige, seine
lichtglänzende Höhe zu erreichen. Erst konventionelle
Formen, dann ein Besinnen auf sich selbst, ferner die
Moderne, endlich die Meisterschaft . . . Aber selbst
heute verschmäht es dieser Künstler nicht, noch zuzu-
lernen — sein geliebtes Murnau, der schöne Landsitz,
im Grunde ist er dem Architekten ein Modell im
großen, eine große Palette. Da draußen weilen, heißt
für ihn nicht ausruhen. Da werden neue Bilder er-
worben und gehängt, alte anders, da werden die Räume
umgestimmt, ein Gerät, ein Teppich auf seine Wirkung
erprobt, da sieht er zu, wie dieses Rot wohl zu jenem
Interieur passen könnte, und was das »Draußen« an-
langt, da gibts auch Arbeit genug. Blumenbeete er-
stehen, eine Waldschlucht wird angelegt, man sorgt für
eine dekorative Bewachsung des Hauses und kom-
poniert den dunklen Ton hoher, geradeliniger Bäume
in die blühende, stäubende, sommerliche Landschaft . . .
und dann, bitte, wie könnten sich hier, im kühlen
Schatten hoher Kronen, wohl die schnittigen Korbmöbel
von Julius Mosler machen, und sollte man nicht durch
die Flüge weißer und vielbunter Tauben dafür sorgen, daß

jene landschaftliche Strophe da drüben mehr belebt werde?
— Ja, es ist schier die reine Ausstellung da draußen,
ein stetes Kommen und Gehen, wie ja Professor Archi-
tekt Emanuel von Seidl auch wirklich eine Vorliebe für
Ausstellungen, elegante und großzügige Schaustellungen
hat. Siehe Galerie Heinemann. Seine alljährlichen Arran-
gements im Glaspalast. Seine dominierenden Arbeiten
auf der Oktoberwiese. Und so vieles andere.

Ich habe mich, sehe ich, schon ins Ausstellungs-
gebiet hineingeredet. Ich meine, wir befinden uns
bereits draußen im Bavariapark, in der »Ausstellung
1908«. Wer die gesehen hat oder sehen darf, ist
glücklich zu preisen, wer nicht, wird sich wohl nie
einen richtigen Begriff davon machen können. Handelt
es sich doch nicht um das gewöhnliche grellbunte
Jahrmarktstreiben und nicht um eine große Schau im
althergebrachten Sinne : — nein, was München diesmal
geleistet hat, steht ungleich höher, ist sogar in seiner
Art einzig. In einen solchen Wettbewerb von Kunst,
Industrie, und so fort mit einem bedeutenden Wert ein-
zutreten, konnte wohl den größten Künstler reizen —
und so durfte man gespannt und neugierig sein, wie
sich E. v. Seidl mit seiner Aufgabe »Hauptrestaurant«
abfinden würde. Zumal er in Bezug auf dekorativen
Schmuck und dergleichen an kein knappes Programm
gebunden war. Andererseits freilich war seine Aufgabe
keine leichte; drängt sich doch da draußen in schier

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