Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNENDEKORATION

AIEIN5TOLZ

XIX. ^HHRSBnS.

Darmffadt 1908.

sepTemBGR-HeFT.

RÜCKBLICK UND AUSBLICK.

Der Versuch, für unsere Wohnungs - Einrichtungen
einen neuen Stil zu erfinden, muß heute im wesent-
lichen als abgetan betrachtet werden. Er hat im ganzen
etwa ein Jahrzehnt gedauert und sich in der Haupt-
sache auf dem Kontinent abgespielt. Frankreich und
Deutschland standen an der Spitze; wenn England bei
uns vielfach dafür in Anspruch genommen wird, so
liegt darin eine große Verwirrung der Tatsachen. Die
künstlerische Reform des englischen Hauses ist von
ganz anderen Voraussetzungen ausgegangen als von der
Absicht einer neuen Stilerfindung. Ihre Begründer
William Morris und sein Kreis suchten das Heil in der
Wiederbelebung mittelalterlicher Handwerkskunst und
bezeichneten sich selbst als »historische Künstler«.
Und die Konsequenzen, welche die modernsten der
heutigen englischen Raumkünstler, wie Voysey, aus den
Forderungen des modernen Lebens ziehen, gehen über
einen Kompromiß des Alten mit der neuen Zeit nicht
hinaus: die Grundlagen des heutigen englischen. Möbel-
stils sind historische; es sind die Grundformen des
englischen Mobiliars aus der klassischen Zeit englischer
Möbelkunst: die Sheraton- und Chippendaleformen,
die nur im einzelnen fortgebildet und den technischen,
hygienischen und Bequemlichkeits-Ansprüchen der Gegen-
wart angepaßt worden sind. Dem zugleich praktisch-
nüchternen und konservativen Geist des Engländers ist
alles zwecklos-absichtliche Neuem unverständlich. Darin
liegt eben der Vorzug des englischen Wohnhauses, daß es
die einheitliche Anknüpfung an eine nationale Tradition

wieder gefunden hat. — Dagegen hat der Kampf um den
neuen Stil in Frankreich eine Zeit lang eine um sogrößeie
Rolle gespielt. Aus seinem eigentlichen Geburtsland Belgien
hat ihn Henry van de Velde nach Paris verpflanzt,
wo er 1896 dem Kunsthändler Bing die Einrichtung für
sein Art nouveau entworfen hat. Die künstlerische
Tendenz der neuen Formensprache deckte sich in ge-
wissem Sinn mit der des Barock und Rokoko. Es ist
dieselbe Auflösung der statisch bedingten Geradlinigkeit
in willkürlich geschweifte, gebogene und gebrochene
Linien, wodurch die konstruktive Form in eine orna-
mentale übersetzt wird (auf das eigentliche Ornament
verzichtet deshalb van de Velde in seinen Möbeln).
Bei den Franzosen (Majorelle, Gaillard, Plumet u. a.)
hat sich denn auch der »belgische Stil« mit ihrem
wesensverwandten Rokoko vermischt und in dieser
Form die Konkurrenz mit dem historischen Kunstge-
werbe aufgenommen. Aber in Frankreich hat die neue
Bewegung nicht die Kraft in sich getragen, die Unreife
ihres ersten Stadiums, an der das Publikum mehr oder
minder berechtigten Anstoß nahm, zu überwinden.
Deshalb ist sie im Kampf mit den Mächten der Be-
harrung unterlegen. Schon seit der Weltausstellung von
1900 hat sie Schritt für Schritt des gewonnenen Bodens
wieder verloren. Heute sind die Franzosen endgiltig
zur Reproduktion ihres historischen Louis Quinze, Louis
Seize, Empire u. s. w. zurückgekehrt.

Auch in Deutschland wäre ihr Schicksal zweifelhaft
geworden, wenn hier nicht die klärenden Faktoren

1908. ix. L
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