Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

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HEMMUNGEN.

Wäre das Leben, wie Nietzsche meinte, nichts als
Wille zur Macht, so sähe es in jedem Wider-
stand nur das Feindliche, und ihm wäre bloß an dessen
Niederlage gelegen. Es verneinte den Widerstand schon
vor dem Angriff durch den Gedanken und spräche
bei sich selbst: Es wäre besser, dieser Widerstand wäre
nicht. Welche Undankbarkeit, welche FrivolitätI Denn
jeder Einzelne erfährt es an sich selbst, die Spruch-
weisheit der Völker spricht es aus, die Natur belehrt
uns jeden Augenblick darüber, daß das Leben auf die
Widerstände angewiesen ist als auf sein täglich Brot.
Sie sind es, die die Kraft, das aktive Prinzip, zu den
reichen, dramatischen Entfaltungen nötigen, welche die
Welt erfüllen. Freilich fällt das Leben jeden in seiner
Interessensphäre auftauchenden Gegner mit wölfischen
Gedanken an, aber nicht so sehr deshalb, weil es seinen
Tod will, sondern weil es nach der Lust der Nieder-
kämpfung verlangt. Das Leben verneint die Hemmungen
nicht, es besiegt sie. Denn echte Verneinung des
Gegners hindert den Kampf und hat asketische Selbst-
aufgabe zur endlichen Folge. Das Leben ist nicht
Wille zur Macht; so arm, so karg, so einseitig auf das
Ziel gestellt ist diese Welt nicht. Viel eher könnte
man sagen, das Leben sei Wille zum Widerstand, und
dabei soll es bleiben. Noch ehe sich die echten Gegner
herandrängen, sucht sich der Mensch Widerstände auf

— im Spiel des Kindes. Er erklettert mühsam Berge,
auf die ihn auch die Kraft des Dampfes hinaufschleppen
könnte. Es bedarf wohl nur dieser Stichworte, um
klarzustellen, worauf es hier zunächst ankommt: Das
Leben verlangt nicht nach der Lust des Gesiegthabens,
sondern nach der Lust des Siegens.

Von hier aus führt der Weg weiter.

Eine Lust ist das Siegen nicht nur für den Sieger,
sondern auch für den Zuschauer. Darin liegt die
hauptsächliche Bedeutung der Hemmungen begründet,
nämlich ihr hoher ästhetischer Wert. Es gibt in
der Welt keine nackte Zwecke, keine klare, formelhafte
Ziele; das Aufgebot an Mitteln macht den Wert des
Erreichten aus. Hamann, der Magus des Nordens, sagt
einmal irgendwo: Wenn ein fader, verbrauchter Geck
das Wort spricht: Alles ist eitel, so ist das etwas ganz
anderes als wenn Salomo, der König von Jerusalem,
der Herr über tausend Weiber und zahllose Schätze,
dasselbe sagt. Warum? Offenbar, weil im letzteren Falle
gewaltige Hemmungen zu überwinden waren, um bis
zu diesem Worte vorzudringen. Die Welt ist ganz auf
Drama und Ethos aufgebaut. Das gilt für das Leben
sowohl wie für seine reinste, gewaltigste Außerungsform:
die Kunst. Auch in der Kunst ist es die Tat, die
Tüchtigkeit, die Kraftentfaltung und das Drama, das
uns in der direktesten Weise ergreift; auch in der
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