Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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WOHN-ZIMMER UND AUSSTELLUNGS-ZIMMER.

(PRINZIPIEN FÜR DIE EINRICHTUNG.)

Ein Zimmer zum Ausstellen und ein Zimmer zum
Wohnen, gibts da einen Unterschied, oder gibt
es keinen? Man sollte glauben nein, da ein zur
Schau ges-telltes Zimmer ja nur einen vorübergehenden
Zweck erfüllt, bevor es seiner dauernden Bestimmung
als Wohnzimmer zugeführt wird. Und doch ist es so,
es besteht ein Unterschied, den man so gerne ableugnen
möchte, denn unsere Kunstgewerbler scharfen doch
nur für die nackten Bedürfnisse des Lebens und nun
sollte das Leben selbst . . . . ? — Nein, es wäre nicht
zu glauben, wenn nicht das Magazin jedes ausübenden
Kunstgewerbetreibenden eine Unzahl staubiger Zeugen
dafür beherbergen würde.

Wieso das kommt? — Das kommt daher, daß
Ausstellungszimmer nach Grundrißanordnung, Fenster-
austeilung, lichter Höhe etc. nie oder äußerst selten den
Habitus von Wohnzimmern zeigen und daß jene Wohn-
zimmer, wie wir sie in den vornehmen Vieiteln der
Großstadt vorfinden, wo jenes Publikum wohnt, das als
Kaufkraft für gut bürgerliches Möblement in Betracht
kommt, nie den Apparat von Dekorationsmotiven haben,
den die meisten Ausstellungsräume aufweisen. Ich
meine Nischen in der Mauer — Fensternischen, in
denen die ja sonst reizvollen Arrangements von Plauder-
und Ruheplätzchen ihre schon konventionelle Aufnahme
linden — Kamine usw.

Jedermann weiß es — die Wandlung des Ge-
schmackes in den letzten Jahren war Revolution
auf dem Gebiete des Kunstgewerbes. Und die Wogen
haben sich noch lange nicht geglättet und wenn der
Mantel fällt, so muß der Herzog nach. Nur ist es
leider nicht wahr. Denn dann müßte man alle die
nicht ganz alten und nicht ganz neuen Häuser mit der
bekannten Zimmertype 5 m auf 5 bis 6 m im Geviert,
3,5 bis 4 m lichter Höhe, 2 Fenster 1,2 tri Breite auf
2 bis 2,5 ro Höhe mit oft noch rundem Sturz, einem
Pfeiler von nur 1 bis 1,5 m Breite, alle diese Häuser
müßte man rasieren. Das geht aber nicht, also fällt
ein Herzog leichter als ein Haus, sofern es nicht von
selbst fällt. Hier ist eine der wunden Stellen, an der
wir den Zusammenhang mit dem Leben verloren oder
vielleicht noch nicht gefunden haben.

Und nun nehmen wir einmal das Ausstellungs-
zimmer her. Ein Ausstellungszimmer ist gewöhnlich
überhaupt kein Zimmer, es verhält sich zum Wohn-
zimmer wie die Vorgänge auf der Bühne zum wirk-
lichen Leben. Vor allem fehlt ihm einmal die vierte
Wand; die anheimelnde Vorstellung der trauten Wohn-
lichkeit und stillen Abgeschlossenheit kann nur in der
Imagination entstehen, gleichsam indem wir alles hinter
uns beim Beschauen so eines Raumes in Vergessenheit
sinken lassen. Auch die Türen, die doch gewöhnlich

in einer oder beiden Seitenwänden vorkommen, wei den
vergessen — nein — nicht vergessen, man will sie
einfach nicht. Jeder schaffende Künstler weiß, daß
Türen bei der Raumabstimmung sehr unangenehm
werden können, besonders, wenn sie in vermehrter
Auflage sich wie der Teufel an die Wand malen —
das ist eben auch eine der schönen Eigenschaften
moderner Häuser — nicht zu verwundern im Zeitalter
des grandiosesten Verkehrsbedürfnisses. Es ist halt
doch immer ein Loch in der Mauer, durch das uns
das Seligkeitsgefühl »My house is my Castle« hinaus-
flattert. Und dann die Fenster — die hat ein Aus-
stellungszimmer überhaupt nicht — sie werden daher
so eingebaut, wie man sie gerne haben möchte — nach
englischem Landhausmuster — oder was ich auch schon
gesehen habe, sie werden einfach ganz weggelassen —
bitte, man hat doch so viele Möbel, die man alle ver-
kaufen will — und daher ansehen lassen muß, und
dabei sind die Räume klein und. zum Überfluß an
Mangel fehlt auch noch die vierte Wand. Das aber
leitet auf einen weiteren, schwereren Feh1 er, den viele
Ausstellungszimmer aufweisen, auf den Verlust der
Kontur der einzelnen Möbelstücke als eine Folge des
magazinartigen Anräumens. Was ist es denn, was ein
gut komponiertes, modernes Möbelstück so reizvoll
macht? Silhouette, Kontur, Linienführung, das O nament
folgt erst hintennach. Mit ihnen plagt sicli der Künstler
am meisten und gerade diese heilige Dreieinigkeit
kommt in Ausstelhingszimmern fast nie zur Wirkung.
Ja, der Quadratmeter Ausstellungsflä. he ist teuer, höre ich
die bestürzten Aussteller rufen. Da wäre es gut, das
beliebte Abstimmen Ton in Ton aufzugeben, Tisch-
decke und Teppich oder auch nur eines davon soll im
Kontrast zur Möbelfarbe sein. Der Standpunkt des
Beschauers ist meist nahe, aber doch wieder nicht so
nahe, daß er nur ein Möbelstück ins Auge fassen könnte,
denn ins Ausstellungszimmer zu treten ist meist unter-
sagt und der Tisch silhouettiert sich in den gleich-
farbigen Wandschrank, der Sessel in den Tisch und
gleichgetonten Teppich, das Auge vermag nirgends
eine Linie zu verfolgen — und wenn — so sind es
nur unangenehm wirkende Verschneidungen, man kann
nichts bis zum Schluß verfolgen, man gerät in eine
gereizte Gemütsstimmung, ähnlich so, als wenn man
eine interessante Geschichte liest und man will um-
blättern, kann aber nicht, weil die Folgeblätter anein-
ander kleben; man verläßt unbefriedigt den Platz.

Die sittliche Höhe, auf der allein nur wirklich guter
Geschmack thront, hätten wir ja Gott sei Dank er-
klommen, aber wir sind noch nicht recht zuhause an dem
fremden Orte und müssen erst nach allen Seiten hin
Ordnung machen. - dr- techn. hans ungethüm—wikn.

1»08. IV. 3.
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