Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INN EN-DEKORATION

ARCHITEKT WILHELM SCHMIDT—WIEN. Vorraum im Hause des Kapellmeisters Franz

Lehar in Wien. Eichenholz natur und schwarz.

RENAISSANCE UND BAROCK.

In dieser Zeitschrift soll eigentlich nicht über historische
Dinge gesprochen werden. Wenn ich es aber den-
noch einmal wage, so geschieht es nur deshalb, weil
ich mit der Darstellung des Geschichtlichen einen Zweck
für die Gegenwart verfolge. Ich will mit gewaltigen
Streichen gegen die Sehnsucht zu Felde ziehen, die sich
immer wieder, trotz aller Siege der modernen Form,
hervorwagt gegen jene Gelüste, die sich nach den
Fleischtöpfen der Renaissance, des Barock oder des
Louis XVI. zurücksehnen. Es gibt noch viele Menschen,
noch viele Werkleute, die sich von der Liebe zu den
Dingen der Vergangenheit so weit beherrschen lassen,
daß sie jedes Streben nach Selbständigkeit für Frevel
halten. — Im Oktoberheft der »Deutschen Kunst und
Dekoration« schrieb ich diesen Satz: »Es hat heute,
in dieser um einen neuen Stil ringenden Zeit, niemand
das Recht, sich ein Zimmer maurisch einzurichten oder
eine Villa im römischen Barock zu bauen. Vielmehr:
jedermann hat seine persönlichen Wünsche dem völk-
ischen Gesamtwillen unterzuordnen, hat mit feinem Ohr
auf die aus tausend Einzelheiten zusammenströmende
Empor - Entwicklung zu lauschen, hat erwachte Triebe
zu bewußtem Willen zu steigern. Jedermann hat mit-

zuhelfen, daß der neudeutsche Stil Wirklichkeit wird,
daß alles Bauwerk und alles Gerät ringsumher ihm
Wegweiser und Pionier ist.« Daraufhin bekam ich
mancherlei Briefe, deren Schreiber sich entrüsteten, wie
man so radikal gegen ehrwürdige Zeiten und deren
kostbare Werke zu Felde ziehen könne. Ich habe
diesen Leuten geantwortet, daß es töricht wäre, zu
beweisen, wie groß und selbstverständlich unsere Ver-
ehrung für die Kunst der Renaissance und des Barocks
sein muß. Wie viel törichter es aber sei, nicht zu
begreifen, daß die Lebenskraft dieser Werke nur darin
besteht, daß sie im vollsten und höchsten Sinne Aus-
drucksform des Zeitempfindens und des Charakters der
Menschen des Quattrocento und Cinquecento sind. Daß
wir sie darum als Denkmale großer weltgeschichtlicher
Epochen bewundern und verehren müssen; daß wir sie
aber verspotten und mißbrauchen, wenn wir sie imi-
tieren, wenn wir sie dazu erniedrigen, uns und unserem
Geschlecht als alltägliches Gerät und Werkzeug zu
dienen. Um dies alles recht klar und eindeutig zu
beweisen, will ich diesen falschen Freunden der Renais-
sance und des Barock aufzeigen, welcher Art die Zeit
und das Volk war, aus denen die mit Recht gepriesenen
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