Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION

AKCH1T. A. KARST UND
H. FANGHÄNEL—CASSEL.

Ruhcratim und Durcfiblick in
Ludwig Alter—Darmstadt.

kappe zu gelangen. Das ist sehr ärgerlich. Der Spiritus
nimmt bald ein Ende, weil der Brenner zu wenig
Rauminhalt hat, und das Aufheben und Hinsetzen
beginnt von neuem, mit der Abwechselung, daß ich
mir an dem heißen Brenner die Haut meiner Finger
versenge.

Moral: Ein Teekessel ist unzweckmäßigfvalso von
unserem Standpunkte aus nichtswürdig, wenn mcht alle
Manipulationen am Brenner vorgenommen werden können,
ohne daß dieser oder der Kessel angefaßt werden muß.

Ich durchwandere die Ausstellung München 1908,
finde viel sehr, sehr schöne und brauchbare Dinge,
wundere mich nur einmal einige Minuten über den
närrischen Einfall, Nachttisch und Garderobehalter zu
einem wahren Tragelaphen (Bockhirsch) von Möbel zu-

sammen zu komponieren.
B^HHPIH^^M Gott behüte dich, o
Möbel, denke ich mir,
<$7Jj|F^^Bjlqpp hier mußt du stehen
bleiben, bis das Haus
einfällt, denn an einen
5. **>W x^Jsikf*^ anderen Ort der be-
wohnten Erde passest du
nicht hin! Dann gönne
ich mir in einem Wunder
von weißem Lack und
grünen Bäumen (Cafe
genannt) einen Tee.
Ahnungslos setze ich
mich auf den weiß-
lackierten Stuhl, dessen
gerade, harte Sitzfläche
hinten eine genau senk-
rechte Lehne aus vier
hohen viereckigenStäben
trägt. Von draußen
. haben die Stühle hübsch
ausgesehen, jetzt ent-
iH hüllen sie einen kleinen

Feliler: man kann beim
allerbesten Willen auf
keine Weise daraufsitzen.
Erst setze ich mich auf
den vorderen Rand und
lehne mich zurück; da
bricht mir der Rücken.
Ich setze mich ganz
weit zurück, steif und
gerade wie der Pharao
Amenhotep, wenn er
Gericht hält. Aber die
Lehne ist so hoch, daß
sie sich immer in mein
Genick bohrt. Ein
Glück, daß der Künstler
nicht noch die Kante
der vier Stäbe nach vorn
gekehrt hat, sonst wäre
die eiserne Jungfrau
komplett. — Ich begebe
mich kurz entschlossen
ins Hauptrestaurant und
lasse mir eine halbe
Flasche Rheinwein kom-
men. Gott sei Dank, der Stuhl ist brauchbar. Aber
was bringt mir der Kellner da für ein Weinglas? Ein
dickwandiges, niedriges, enges, sechseckiges Scheusal,
wie man es allerhöchstens zum Zähneputzen verwendet.
Ich lehne es kategorisch ab, Rheinwein aus einem sechs-
eckigen Glase zu trinken, dessen Wände so dick sind,
wie die einer gemeinen Kaffeetasse. Haben Sie keine
dünnen Gläser? Keinen Römer? Kein simples, an-
ständiges Stengelglas ? — O ja 1 Das Stengelglas kommt.
Es reicht mir, wenn es auf dem Tisch steht, gerade
bis an die Nase. Ich gieße die lächerliche Tulpe vor-
sichtig halb voll Wein, weil ich fürchte, der Wunderbau
könnte bei stärkerer Belastung umfallen, und fingere
dann den Stengel ab, um den Schwerpunkt zu finden.
Ich fasse in der Mitte, aber man muß perfekter Jong-

das Fürstenbad. Schreinerarbeiten:
Malereien: Gebr. Hallo—Cassel.
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