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Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 21.1910

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https://doi.org/10.11588/diglit.11378#0283

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XXL JAHRGANG.

DARMSTADT.

JULI J9J0.

VOM KÜNSTLERISCHEN NACHWUCHS.

VON ANTON JAUMANN—BERLIN.

Noch keine Epoche der Kunstgeschichte wie der
der Völkergeschichte überhaupt war so ge-
artet, daß sie nur Aufstieg bedeutete oder nur Ver-
fall. Etwas Jugend und schwellende Keime gab
es immer, die inmitten von Marasmus, von fauliger
Überlebtheit in die Zukunft wiesen. Das Leben,
das stets Ersatz schafft und für jeden freiwerden-
den Platz neue Keime bereit hält, hört nie auf zu
wirken. Es ist darum ungemein schwierig, über
die eigene Zeit, und sei es auch nur für ein so
beschränktes Gebiet wie Architektur und Kunst-
gewerbe, zu entscheiden, ob sie ein Anfang ist
oder ein Ende, eine Erfüllung oder nur ein Über-
gang. Mein Gefühl sagt mir ja, daß unsere Häuser-
architektur am Beginn einer neuen Blüte stehen
mag; doch es ist ebenso leicht möglich, daß nie-
mand auftritt, der die schönen Verheißungen ganz
erfüllt, daß die Kräfte vor dem Gipfel erlahmen.
Von den gegenwärtigen Experimenten und Ergeb-
nissen ist auf alle Fälle vieles zu lernen, es besteht
nur die Gefahr, daß man mit dem rasch Gelernten
sich zufrieden gibt, daß man über der program-
matischen Läuterung der Architektur ihre große
Aufgabe als Kunst, als Gestalterin der gebauten
Form vergißt. Noch zweifelhafter steht es mit dem

1910. "VII. 1.

Kunstgewerbe. Wer will sagen, ob die prächtigen
Anfänge, die der Sturm um die Jahrhundertwende
uns gebracht hat, heute konsequent weiterentwickelt
werden, ob vielleicht eine neue Bewegung neben-
her einsetzt, oder ob wir uns überhaupt in einem
Zustand der Ermattung befinden, wenigstens was
die schöpferische Kraft der Erfindung, der wesent-
lichen Neugestaltung betrifft?

Die Künstler, die mit ihrer Wirksamkeit an
eine so fruchtbare in Reformen unerschöpfliche
Epoche anschließen, haben immer einen besonders
schwierigen Stand. Wie sie es auch anfangen
mögen, sie werden fast immer als Epigonen be-
trachtet, und tatsächlich kann ihr Schaffen auch
nur selten dem Bann des Epigonentums entgehen.
Sie sind nicht mehr die ganz Jungen, die Pfad-
finder, die ins Unerforschte ausziehen; wenn sie
nicht in die Fußstapfen der Vorgänger treten, so
dienen diese ihnen auf jeden Fall zur Orientierung,
das Vorhandene bestimmt unausweichlich ihre Pro-
duktion. Selbst der Meister, der das Unfertige,
Verworrene entwickelt und zur Vollendung bringt,
ist in gewissem Sinne abhängig von den Werken
derer, die er übertrifft. In der Regel aber verfällt
der Epigone, das lehrt die Kunstgeschichte aller
 
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