Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKO RATION

MENSCH, WELT UND RAUM

APHORISMEN VON CHRISTIAN MORGENSTERN

Es ist das Unglück, daß Würde und Feinheit von Ge-
danken oft von den Raumverhältnissen eines Zim-
mers, einer beglückenden Fenster-Aussicht, einem ge-
wissen Maß von Licht und Farbe abhängig sind, — So-
daß einer, der sein Leben lang in einer Art von läng-
lichen Schachteln gehaust hat und eines Tages ein edel-
proportioniertes Gemach betritt, nachzudenken sich
geneigt fühlt, wieviel er vielleicht allein durch den Cha-
rakter seiner Wohnräume geistig verloren haben könnte.



Es gibt keine »toten« Gegenstände. Jeder Gegen-
stand ist eine Lebensäußerung, die weiter wirkt und ihre
Ansprüche geltend macht wie ein gegenwärtig Leben-
diges. Und je mehr Gegenstände du daher besitzest,
destomehr Ansprüche hast du zu befriedigen. Nicht nur
sie dienen uns, sondern auch wir müssen ihnen dienen.
Und wir sind oft viel mehr ihre Diener als sie die unseren.



Das von selbst Verständliche wird gemeinhin am
gründlichsten vergessen und stets am seltensten getan.

Wir brauchen nicht so fort zu leben, wie wir gestern
gelebt haben. Macht euch nur von dieser Anschauung los,
und tausend Möglichkeiten laden zu neuem Leben ein!

*

Nur durch Schaden werden wir klug — Leitmotiv der
ganzen Evolution. Erst durch unzählige, ins Unendliche

wiederholte, leidvolle Erfahrung lernt sich das Individu-
um zum Meister über sein Leben empor. Alles ist Schule.

*

Zu einem anderen Ende kommen wir nicht als zu
dem: am Begonnenen unermüdlich weiter zu arbeiten,
aber nicht in Verzweiflung und Selbstbetäubung, sondern
indem wir jede Sekunde diese Arbeit immer mehr durch-
seelen, immer innerlicher bejahen, immer entschie-
dener vergeistigen. . Was dann schließlich auch unse-
rer Hände Werk sich wunderlich wandeln machen wird.

*

Was haben wir immer vor uns? Unsere tätigen,
schaffenden Hände. Darum sollte einmal eine »Erzieh-
ung zum Nachdenken« geschrieben werden — unter
Zugrundelegung der Anschauung der Menschenhand.

*

Ist dies nicht alles Schöpfung: merkwürdige, wunder-
liche Schöpfung? Dieser Tisch, dieser Schrank, diese
Bettstatt, dieses ganze Zimmer, dieses ganze Haus?
Ist nicht dies alles aus Einem Grundgedanken heraus
entstanden, aus Einem mathematischen Grundgedan-
ken? Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?

Und von diesem einen Gedanken: daß dies alles
Schöpfung aus dem Nichts istl — ist es da noch weit zu
dem Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und
Stufenfolgen von Helfern desselben, — noch weit zu
dem Gedanken, daß hinter allem und jedem — Geist steckt
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