Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR ADELBERT NIEMEYER--MÜNCHEN SCHLAFZIMMER IN EINEM DE-WE-HOLZHAUS

»DIE DUNKLE KAMMER«

VON DER ZWEIZ1MMER-WOHNUNG DER SEELE.

In einem weiblichen Herzen«, schrieb einmal irgend ein
Menschen-Kenner, »steht in der Mitte ein kleiner
Toilette-Tisch mit Spiegel, — und davor sitzt die Selbst-
liebe und betrachtet sich wohlgefällig.« Die Beobachtung
ist wohl nicht unrichtig, ließe sich aber auch folgender-
maßen ergänzen: Im männlichen Herzen steht vor allem ein
großer Diwan, darauf räkelt sich bequem der Egoismus.

Solche Einblicke in die »Ionen-Einrichtung« der
Menschen-Herzen ließen sich noch vielfach erweitern.
Man könnte da von »Biedermeier-Stübchen«, frostigen
»Empfangs-Salons« und von behaglichen »Buden«, von
höchst nüchtern möblierten Zimmern und molligen Bou-
doirs reden, — sogar mit rosa Lämpchen, deren Schimmer
zuweilen deutlich bei einem Blick in die Augen-Fenster
zu sehen ist. . Der Einblick in all diese »Seelen-Wohn-
räume« ist ja nur durch die Augen möglich — und diese
»Fenster« der heutigen Menschen sind meist durch
Gardinen sehr dicht verhängt, oft sind noch die Rolläden
bis auf eine kleine Spalte herabgezogen. Es herrscht
immer Dunkel, Zwielicht oder künstliches Licht in diesen
Herzen . . Die helle Sonne scheint fast nie da hinein,
und fast nie guckt eine freundlich lächelnde Menschen-
Seele aus den offenen Scheiben heraus. Und oft verliert
sich der Einblick zwischen sehr korrekte Gardinen in
Räume, — die keiner menschlichen Behausung gleichen.

Die modernen »Innen-Dekorateure« der Seelen-Be-
hausung, die sich mit der Einrichtung und Ausbesserung
dieser Seelen-Räume befassen, — sind die »Psychana-
lytiker«. Sie geben sich jedenfalls redlich Mühe, über
die Eigentümlichkeiten, die Möblierung, die Licht-Ver-
hältnisse und die Bewohner dieser — mehr oder min-
der hellen oder dunklen — Seelen-Räume Aufschluß zu
geben. Eine unterhaltsame Darstellung solcher Art gibt
Dr. Heinrich Koerber in einem leicht faßlichen Werk-
chen »Psychoanalyse«. Da heißt es folgendermaßen:

»Unser seelisches System ist wie eine »Zweizimmer-
Wohnung«. Zunächst ein nach der Straße hinaus
gelegenes, einfenstriges, kleines, freundlich erhelltes
Vorderzimmer (unser bewußtes Ich), das ausgestattet
ist mit einer sehr empfindlichen Tapete (nämlich der
Moral). Daran anstoßend eine ungleich höhere, meist
völlig lichtlose Kammer (unser unbewußtes Ich) . .
Unser tägliches Leben spielt sich nun in dem hellen
Vorderzimmer ab, von dem wir als kulturgewillte
Menschen wünschen müssen, daß hier alles fein säuber-
lich und ordnungsgemäß zugehe; kommt es nun hier
(und das geschieht täglich) zu Vorgängen (wirklichen
Erlebnissen oder auch nur Wünschen, Gelüsten oder
Phantasien), die uns für die Sauberhaltung der Moral-
Tapete fürchten machen, so weisen wir diese Dinge aus

1926. L 7.
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