Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

AKCHll'HKT h'KANZ KUHN-WIEN ARBEITSZIMMER MIT SCHREIBTISCH

DIE GLIEDER DER KETTE

vom WECHSELNDEN UND BLEIBENDEN

Immer wieder erleben wir in der Entwicklung der Kunst,
daß die »neuen Richtungen«, die einander wie die
bunte Folge von Moden ablösen und von denen zuletzt
nichts übrig bleibt als die Persönlichkeiten, die aus
ihnen hervorgingen und — sie abgestreift haben, wir
erleben immer wieder, daß die neuen Richtungen in der
Kunst sich in einem »Gegensatz« zu den späteren Mei-
stern und Vollendungen sehen. Vielleicht nur, um auf
das Neue, das sie bringen oder zu bringen glauben, ganz
besonders aufmerksam zu machen und damit sich Beach-
tung zu erringen. Wenn die Vertreter solcher Richtun-
gen noch sehr jung sind, gewiß auch im guten Glauben,
wirklich das Alte umgestürzt und überflügelt zu haben..

Und doch ist das wahre Ergebnis ein ganz anderes:
das Beste, was die Neuerer von ihrer Leistung erhoffen
können, ist, daß sie einst in die Reihe der Werke auf-
genommen wird, die ohne Bruch und Umsturz von Meister
zu Meister, als eine geschlossene Linie aus der Ver-
gangenheit in die Zukunft führt. . Wilhelm von Scholz.



In der Kunst wie in der Natur ist das, was wir für
Neuerung halten, immer nur eine mehr oder weniger
modifizierte Fortsetzung des Alten. . . auguste renoir.

Die allgemeinen Charakteristiken eines Jahrhunderts
erstrecken sich durchaus nicht auf alle Gesellschafts-
Schichten, von allen Individuen ganz zu schweigen. Zu
jeder Zeit gibt es eine große Anzahl von Menschen, die
von den historischen Gesichtspunkten, die ihrem Jahr-
hundert den besonderen Charakter verleihen, wenig be-
rührt werden.. Während des »Jahrhunderts der Erkennt-
nis« z. B. sind doch viele ihrem alten Glauben treu ge-
blieben. Aber als der neue zu aufdringlich wurde, stellten
sie sich ihm energisch entgegen. . . Sogar in Kreisen, in
denen Erkenntnis die Triebkraft war, machte sich von
Zeit zu Zeit eine gewisse Müdigkeit bemerkbar — eine
Sehnsucht nach anderer geistiger Nahrung und nach an-
deren Idealen. Wo immer Erziehung und Wissen mehr
als eine vorübergehende Mode-Erscheinung waren, er-
wartete man von den Menschen, daß sie jeden Nerven-
strang anspannten und intensiv über alles nachdachten.
Nach und nach brachte diese Uberspannung notwendiger-
weise den Wunsch nach Ausspannung mit sich, nach
Ruhe in dem Einfachen und Gewöhnlichen, nach einer
Resignation und einem schlichten Begnügen mit Formeln,
die nicht jedesmal wieder neu durchdacht werden muß-
ten, wenn man sie gebrauchte. . . . harald hoeffding.
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