Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION 101





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ARCH.-BQKO: C. STOHR. AUSFQHRUNGi M. BALLIN VERTAFELUNO 1H EINER MQNCHENE8 HOTEL-HALLE

VON DER LEBENS-MELODIE

UND VON INNEREM WACHSTUM

Will der Mensch leben, so muß er auch leiden wollen;
erstrebt er Freude und Glück im üblichen Ver-
stand allein, so will er nur partielle Erfüllung, und daß
solche dem Sinn des Lebens nicht entspricht, beweist
allein das.Schalheits-Gefühl, das jeder rein egoistischen
Befriedigung unausweichlich folgt. Wer nun das Lebens-
leid von vorneherein auf sich nimmt, der zentriert sich
im wahren Sinn des Lebens. Für den gibt es dann ein
Positives oberhalb von Freude und Leid — im selben
Verstand, wie die »Melodie« ein Jenseits des Geboren-
werdens und Sterbens der Einzeltöne ist. Dem verliert

das Leben durch kein Unglück seinen Sinn........



Alles höhere Leben baut sich auf ungelösten nie-
deren Spannungen auf. Und daher nimmt es immer
tragischeren Charakter an.jehöher es sich erhebt. Tragisch
nennen wir den Konflikt, für den es keine denkbare
Lösung gibt. Insofern ist schlechthin alles geistbewußte
Leben tragisch, denn dessen ganzer Prozeß baut sich auf
der periodischen Störung und Zerstörung bestehenden
Gleichgewichts und den sich daraus ergebenden, immer
neu entstehenden Spannungen auf. Es ist unmöglich zu

leben, ohne jeden Augenblick Schuld auf sich zu nehmen.
Leiden kann nicht minder wie Befriedigung Glück be-
deuten, — der wildeste Schmerz kann freudig bejaht
werden, sofern er nur als Erfüllung der Bestimmung
des Menschen erkannt ist. So wird schöpferisch aus-
gewirkte Verantwortung zuletzt zum letzten Ziel

alles Glückstrebens des Menschen...............

*

Sehr wenige vertragen allzuglückliche Lebensum-
stände; die meisten stumpfen in ihnen ab. Sintemalen
das Leben nur dort als solches gefühlt wird, wo es sich
schöpferisch betätigt. So sind vom Standpunkt Außen-
stehender besonders »Glückliche«, dieweil sie keine
Sorgen hätten, in der Regel die wenigst Befriedigten. .

Nietzsche hat Recht, wenn er das Menschenleben
nicht »statisch«, sondern einzig »dynamisch« bestimmt
wissen will: nämlich als Wille zum Mehr-Leben d. h. zur
Steigerung. . Der Mensch will frei sein, nicht um
der Mühe enthoben zu werden — diese wächst vielmehr
proportional der Selbstbestimmung — sondern: um
innerlich zu wachsen. . . graf Hermann Keyserling.

1936. III. 2.
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