Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

JOHN D. CLARKE, F. R. 1. B. A.-EASTBOURNE BIBLIOTHEK IN »FRENSHAM BEALE MANOR«

WEITRÄUMIGKEIT UND HELLE

DAS WESEN DES NEUEN WOHNRAUMS

Tmmer häufiger wenden sich die neuzeitlichen Raum-
1 künstler dem Ideal des Schlichten und Leichten,
des Freien und Hellen zu. So entstehen Räume, die
klar und gefällig auf die Bedürfnisse des Menschen ein-
gehen und die ihn zu einem gesunden Leben im Ge-
genwärtigen ermutigen. Sie sind schlicht, weil der mo-
derne Mensch der Phrase und dem Pomp mißtraut und,
wie überall, so auch vom Möbel eine klare, höfliche Ant-
wort auf eine bestimmte Frage erwartet. Sie sind leicht
und frei, weil ein Vermeiden unnötiger Belastung den
Menschen stärker und ungebrochener macht. Sie sind
hell, weil Helle eine Beziehung zum frischen Tun, zum
fröhlichen Vertrauen, zum mutigen und selbstsicheren
Lebensgefühl hat. Man kann sich in ihnen bewegen wie
in freier Natur; ja, von der Natur, von der Landschaft
scheinen diese Räume das zwanglose Gebahren entlehnt
zu haben, mit dem sie freundlich auf den Menschen ein-
gehen, aber sich hüten, ihn zu beengen. Die gesunde
Vernunft des Angelsachsen und deutsches Naturgefühl
scheinen sich in diesen Räumen ein Stelldichein zu geben.
Sie treten dem Menschen mit einer Gelassenheit entgegen,
die Vertrauen erweckt und Freundschaft ermöglicht. . .
Auf jeden Fall bedeuten diese Räume beachtenswerte
Versuche, den tatsächlichen Stil des modernen Lebens zu

treffen. Sie liegen auf der Linie jener zivilisierten Zwang-
losigkeit, die so weitgehend die Haltung des heutigen
Menschenlebens beherrscht. Sie nehmen in der glücklich-
sten Weise den Stil modernen Arbeitens, Verhandeins,
Zusammenseins auf. Sie wiederholen die knappe Linie
der Damen- und Sportkleidung, sie sprechen die Sprache
der modernen Technik; sie sind Zeitgenossen einer Wis-
senschaft, deren gefaßte, kalte Kühnheit das Dunkel um
uns her täglich mehr erleuchtet; ja, einer Religion, die
sich nicht in schwärmenden Spekulationen, sondern in
ganz konkreten Fragestellungen und mit nüchternem Tat-
sachensinn betätigt. Der Mensch, der in immer innigere
Fühlung mit der Natur tritt: wie sollte der nicht auf einen
Innenraum kommen, der seinem Leben ebenfalls ein fri-
sches Tempo und freie Bewegungs-Möglichkeit gibt? Wie
sollte er, der Eugenik treibt und mit neuem Wissen immer
um die Verbesserung seiner psychischen Lebensbeding-
ungen bemüht ist, nicht nach Räumen streben, die ihn
kühner und mächtiger, frischer und fester machen? . . . .

Es ist ein Irrtum, zu glauben, daß der Wohnraum nur
eine »künstlerische« Angelegenheit sei; oder vielmehr: die
»künstlerische« Aufgabe der Raumkunst muß heute so
weit gefaßt werden, daß sie auch ein Eingehen auf die
reale Psychologie des heutigen Menschen in sich schließt,
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