Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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352 INNEN-DEKORATION

WOHNKULTUR UND RAUM-EINRICHTUNG

DAS PROBLEM UND DAS PROBLEMATISCHE

Das »Problematische« im Thema »Wohnkultur und
Wohnraum-Einrichtung« scheint vor allem in der
Tatsache zu liegen, daß es allenthalben im Problem-
sinne zur Diskussion gelangt. Denn Wohnkultur ergibt
sich an und für sich als Selbstverständlichkeit aus
sicherer kultureller Haltung. So ist das Problematische
nur aus einem Fehlen der Tradition heraus verständlich.

Tradition entsteht in kontinuierlicher Entwicklung
der Wohnform und wird vom einzelnen, wenn überhaupt,
als selbstverständliches So-und-nicht-anders-sein-Können
empfunden. . Die »Entwicklung« vollzieht sich unter
Beibehaltung dieses Wesentlichen, — in Modifikationen,
die durch zeitbedingte Zweckbedürfnisse und Erhöhung
der Ansprüche an den Komfort eingeleitet werden; nicht

in Sprüngen, sondern stetig, wenig spürbar.........

Erfährt ein Kultur-Zustand stärkste Erschütterungen,
dann reißt der Faden dieser Entwicklung; und in den Jah-
ren der Unklarheit und der zagen Versuche, sich wieder-
zufinden, geht eine Gesinnung verloren, die dem Woh-
nenden und dem dafür Tätigen in gleicher Weise bis dahin
als Selbstverständliches innewohnte. . An die Stelle der
Ausgeglichenheit gewachsener Kultur, mit dem sicheren
Sinne für das Wesentliche, tritt damit meist eine Über-
schätzung des Äußerlichen; der Formen als solcher, und
zwar nicht der »Zweckformen«, deren Inhalt nicht mehr
klar war, sondern der sogenannten »Schmuckformen«.

Da diese durchaus zeitbedingt sind, — insofern als
man sich an ihnen übersieht und in absehbarer Zeit Neues
verlangt, — mußte in der Zeit des Ubergangs von Seiten
der Produzierenden ein ständiges Experimentieren um
Variationen dieser Äußerlichkeiten einsetzen. Waren die
»Formen« zuvor historisch, so erschienen sie nun zunächst
als absonderliche, »stilisiert« oder abstrakt gedachte
Schwingungen, als gewollte Selbstwerte so unerfreulich
wie die Vorangegangenen. Dann wiesen sie den jähen
Protest eines kurzlebigen Purismus auf, machten einer
Geradlinigkeit Platz, die als Gerüst meist trockener
Zweckmäßigkeit unbefriedigt ließ und zur Verschönerung
einer emsig tätigen Dekorierungslust überlassen wurden. .
Damit wurde das Möbel neuerdings zu einer Angelegen-
heit mehr oder minder reger kunstgewerblicher Phantasie:
es erschien mit viel Schmuck versehen oder in schlimmen
Fällen gar als ornamentale Idee entworfen, die gezeichnet
allenfalls amüsant aussehen kann, im Raum aber sehr
papieren und überdies auch bald »unmodern« dasteht. .



Dasselbe ist vom Wohnraum zu sagen, womit jeder
Raum gemeint ist, in dem, — im Gegensatz zu Wirt-
schafts-, Arbeits-, Schlafzimmern und in gewissem Sinne
auch Repräsentations-Räumen, — »gewohnt« werden
soll. . Der »Stil« eines Wohnraumes wird zumeist darin
gesehen, daß seine Teile: also Wände, Fußboden, Decke
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