Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT H. KARPENSTE1N-BERLIN— DAHLEM HAUS ST. HEBEN-E1NCAHC U. OARTNERHAUS

immer noch in die Lust am Dekorativen versponnen —, Ansprüchen nach Komfort gerecht werdenden Grund-
viele, ohne die vielfältigen Variations-Möglich- riß-Programmes, das sich bei tüchtigen Architekten
keiten zu ahnen, die allerdings hier im Kleinen liegen und verständigen Bauherren ganz von selbst versteht,
und an das Können ganz wesentlich erhöhte Anforder- Es geht um mehr! Denn bei all dem ist der Wohn-
ungen stellen. . . Das ist das sachliche Möbel. . . . räum noch meist so, als lebten wir gar nicht in einer
Begriff s-Inhalte können von einerZeit erweitert werden. Zeit, die eine hohle Großartigkeit der Gründer jähre,
Sachlichkeit ist heute Arbeits- und Formprinzip all- auch die mannigfachen Affektationen einer impressio-
gemeinerer Art geworden; deutlich werdend vor allem, nistischen Lebenshaltung vom fin de siecle und dem
wo ingeniöse Tätigkeit Werke schafft, in Arbeitsweise Jahrhundert-Anfang hinter sich ließ: der Raum ist ent-
und Ergebnis. Rationell, ganz auf Kalkül eingestellt, weder selbst noch Kunstgewerbe oder krankt an der
werden in möglichster Ausnutzung von Material und Überladung mit solchem. — Das Wesentliche, Reinigende
Kraft Werte erzielt, die, obwohl ohne jede Nebenabsicht läge in der Weckung einer Gesinnung, die Wohnen und
ästhetischer Art entstanden, in den meisten Fällen auch Wohnung mit der gleichen Unvoreingenommenheit an-
formal einwandfrei wirken. Gestützt auf ein Wissen, an sehen ließe wie unser heutiges Leben: Aufrichtigkeit,
dessen Bereicherung stetig gearbeitet wird, unbeschwert das ist letzter Inhalt von Sachlichkeit, ihr ethischer Sinn,
durch rückwärtsgewandte Reflexionen, streben gestal- Die Haltung der Wohnung müßte, — um etwas, das
tende Kräfte, die nur unserer Zeit eigen sind, Zielen zu, bereits auf den allem gemeinsam sein sollenden Nenner

die es früher nicht gab. — Das ist sachlich...... von Zeit-und Lebensform gebracht wurde, in Vergleich

Es ist an dieser Stelle nicht darüber zu sprechen, ob zu ziehen, — die gleiche Aufrichtigktit dokumentieren
in diesen Ergebnissen, die ohne Problematik und Ex- wie unsere heutige Herrenkleidung.die — voll schlichter,
periment im Formalen, am Echtesten aus unserer Zeit knapper Noblesse, auch dort, wo es sich nicht um Arbeit
und ihrem Tempo entstanden, die Elemente einer neuen und Beruf handelt, auf blumenbestickte Westen und
ästhetischen Formgebung beschlossen liegen. Denn es ähnliche Ingredienzien verzichtend, — in der englischen
handelt sich, wenn wir die Forderung von Sachlichkeit Linie ihre wesentliche, im Kleinen jederzeit modifizier-
für den Wohnraum, für die Wohnung aufstellen, zuerst bare Form gefunden zu haben scheint. . . Da die Woh-
nicht um formale Details. Als »Sachlichkeit in der Woh- nung für den Bewohner da ist, er also Maßstab ist, muß
nung« gilt uns auch heute nicht mehr so sehr die kon- sie auf ihn bezogen sein. Der Wohnraum kann nicht,
sequente Durchführung eines durchdachten und allen ohne komisch zu wirken, als Traumland gestaltet werden:
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