Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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XXXVll. JAHRG. DARMSTADT. MAI 1926.

MODERNITÄT UND BEHAGLICHKEIT

EIN WOHNHAUS IN WILMERSDORF VON ARCHITEKT HARRY ROSENTHAL

Die große Frage, um die sich heute alles dreht, sich das Grundstück an. Es liegt nahe beim Fehr-
ist: wie bringe ich die Stil-Elemente, die aus belliner Platz. In einer sozusagen jungfräulichen
der gereinigten, durchgespülten, sachlich und klar Gegend, in tellerflacher, fast noch freier Ebene,
gewordenen Formanschauung dieses Maschinen- Nichts ringsherum, was irgend eine Rücksicht ver-
und Ingenieur-Zeitalters aufgestiegen sind, dazu, langt. Hier kann ich, sagt ersieh, wirklich ohne
daß sie nicht nur mit meiner Logik und der Auf- Gebundenheit, ohne Komplimente nach Vorhan-
richtigkeit meiner ethischen Überzeugungen, son- denem hin, ein Gebäude ersinnen, wie ich es, ein
dern zugleich auch mit meinem Lebensbehagen Sohn meiner Epoche, mir vorstelle. Erwünschte
übereinstimmen? . Es nutzt freilich nichts, darüber Gelegenheit. Schließlich aber lebe nicht nur ich,
theoretisch nachzugrübeln. Ein Architekt von Ge- auch der Bauherr hat sein Recht, zu existieren,
schmack, Verantwortungs-BewußtseiD, vonprakti- Ich baue das Haus, er jedoch will und soll darin
schem Sinn und Realitätsgefühl wird, vor eine wohnen. Er ist ein Kunstfreund und läßt mich
bestimmte Aufgabe gestellt, die dieses Problem schalten. Aber würde ich, wenn ich ihn völlig
in sich schließt, am ehesten die rechte Antwort außer Acht ließe, letzten Endes nicht ebenso falsch
finden. — Zu dem jungen Berliner Baumeister handeln, wie er handeln würde, wenn er mir be-
Harry Rosenthal z. B. tritt ein wohlhabender engende Vorschriften machte? Nein, ich werde
Mitbürger: »Ich habe da draußen in Wilmersdorf einen Ausgleich suchen. Nur Doktrinäre nennen
ein Grundstück gekauft; bau' mir ein Haus darauf, so etwas ein »Kompromiß«. Ein Architekt, der
nach Deinem Sinn, den ich kenne und schätze; seine aus den Geboten der künstlerischen Über-
aber bau' es mir so, daß ich, ein Mann der Wirt- zeugung und des Bedarfs quellende Arbeit richtig
schaft, der anstrengenden Geschäfte, darin auch versteht, wird den Weg finden, der dem Doppel-
5»t meiner Familie, mit meinen Freunden, meinen ziel gerecht wird. — Das Werk, das so entstand,
gasten Tage und Stunden heiterer Zusammenkunft, bestätigt solchen Gedankengang. Jeder, der vor-
besinnlicher Gespräche und unbeschwerter Erho- über geht, empfindet: dort steht ein Haus, ganz
ung verbringen kann«. Der junge Baumeister sieht aus dem Gefühl der Gegenwart geboren, aber zu

1928. T. L
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