Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

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aber ein »Mittel zum Zweck«. Unsere moderne Gesell-
schaft versteht durchaus noch nicht diesen Unterschied.
In der Architektur werden heutzutage viele Dinge auf
maschinellem Wege erzeugt, die Handarbeit vortäuschen
sollen. Die wenigen, ihrem Beruf treu gebliebenen Kunst-
handwerker aber werden zu Handlangern herabgewür-
digt, die all ihre Geschicklichkeit und Schaffensfreude auf
das Kopieren von Werken anderer Künstler und Kunst-
handwerker verwenden müssen. Das Handwerk, das der
mechanischen Reproduktion dienstbar gemacht wird, und
die maschinelle Herstellung unzähliger Gegenstände, die
eine handwerkliche Entstehung vortäuschen sollen, sind
schuld daran, daß alle unsere ästhetischen Versuche in
Kunst und Baukunst wieder und wieder mißglücken. . .

Nun beruht unsere Freude an guter Maschinenarbeit
bei allem Respekt, den wir der Fehlerlosigkeit und Voll-
endungzollen, dochnurauf ihrem praktischen Nutzen,
— wenn auch dabei hin und wieder eine ausdrucksvolle
Form erzielt wird. . Ist jener erledigt, so ist ihre Existenz-
Berechtigung dahin. Dies gilt nicht erst für heute, es galt in
allen Zeiten: die »Gebrauchsgegenstände« des täglichen
Lebens kehren zum Staube zurück, während jene, die den
Stempel künstlerischen Geistes tragen, niemals dem Keh-
richthaufen verfallen, mögen sie auch noch so zerbrech-
lich sein und einen noch so geringen Materialwert haben.

Es liegt im Menschen eben etwas, das ihn zwingt, das
»Menschliche in der Kunst« zu achten: umgeben von
den Spiegelbildern seines Wesens, lebt er als ein Gott.
Die Kunst ist in gewissem Sinne der geistige Firnis, den
wir auf die materiellen Dinge legen, um sie vor dem Ver-
derben zu schützen; anders gesagt: die Schönheit hat Be-
rechtigung, weil sie Ewigkeitswert hat. . Häuser, die von
einem schöpferischen Geiste zeugen, sind unersetzlich,
und das bewahrt sie vor dem Schicksal, schnell und pietät-
los ersetzt zu werden. Dieser Vorgang steht in vollem
Gegensatz zu dem maschinellen Massen-Betrieb und er-
klärt, warum mit der Zeit Maschinenarbeit unzulänglich
und von solchem Gesichtswinkel aus betrachtet im Grunde
unökonomisch ist, —denn sie ist zu bald entwertet.



Die Kunst hingegen ist einer der Hauptwege, auf dem
wir dem verderblichen Kreislauf ökonomischer Betrieb-
samkeit entgehen. Dem Prozeß der Vergeudung und Zer-
störung wird in der Erschaffung eines Kunstwerks von
dauerndem Wert Einhalt getan; daher ist der ethische
Prüfstein für das ökonomische Leben einer Gemeinschaft
nicht, ob »unendlich viel« produziert wird, sondern ob
der Wert der geschaffenen Dinge Aussicht auf Dauer hat.
Ausschlaggebend ist das Verhältnis von Produktion zum
Schaffen vonWerten. (schluss s. 283.) lewis mumford.
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