Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

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von einem »körperlichen Egoismus« und Unverstand ge-
sprochen, der sich dem Rhythmus der Arbeitsbewegung
entgegenstemmt. Aber wenn man tiefer blickt, ergibt
sich, daß diese körperliche Auflehnung ihre Parallel-
erscheinung in einer geistigen Auflehnung, in einem
Sträuben des Ichs gegen die Hingabe, also in einer echten
geistigen Ichbefangenheit hat. Das Nichtwollen der Mus-
keln ist im Grunde ein Nichtwollen des Geistes. Das
Wehren des Körpers gegen den Rhythmus ist eine »Men-
talreservation«, ist ein echter geistiger Vorbehalt; und so
hat der Mensch, der seinen Körper in einen Arbeits-
rhythmus hat einfügen lernen, nicht nur einen leib-
lichen, sondern auch einen geistigen Vorteil gewonnen. Er
ist durch Hingabe an einen objektiven Rhythmus die
Enge und Härte seines Ichs los geworden, er hat eine
wertvolle geistige Entspannung gelernt, er hat einen Fort-
schritt in der Richtung eines volleren, echteren Menschen-
tums gemacht. Er hat nicht nur leiblich, sondern auch
geistig einen Anschluß gefunden. . Wenn alte Weise
Indiens und Chinas öfters den Handwerker als Vorbild
preisen, und zwar gerade als Vorbild für den geistigen
Arbeiter und religiösen Forscher, so ist das weder
Laune noch Zufall. Sie haben erkannt, daß der Hand-
werker , der sich völlig an den Rhythmus seiner Arbeit
hingibt, einen Höchstzustand, einen Idealzustand des
Menschen repräsentiert; einen Zustand, da der Mensch
mitten im Geheimnis aller Dinge wohnt, weil er die
Gegenwehr aufgegeben und die Verbindung mit dem
Ganzen und Wahren gewonnen hat. . . Wilhelm michel.

DAS STREBEN NACH FORM

Die »Kunst der Zukunft« in Amerika —, so lesen
wir in »Commerce Monthly«-New York —, »muß
die Kunst der Maschine sein. Eine Rückkehr zum Hand-
werk ist hier unmöglich, weil die Zivilisation unmöglich
die Annehmlichkeiten und Errungenschaften opfern kann,
die ihr von der Maschine zufließen. Aber die Künstler
beginnen zu begreifen, daß »eine richtig verstandene Ma-
schine nur das am vollkommensten ausgebaute Werk-
zeug ist.« Ein neues Kunst-Zeitalter wird da sein, wenn
die Erzeugnisse der Maschine die höchstmögliche Voll-
kommenheit so allgemein zum Ausdruck bringen, wie
handgearbeitete Erzeugnisse in vergangenen Jahrhun-
derten. Es ist nicht einzusehen, warum vollkommener
Entwurf nicht Hand in Hand gehen soll mit Massen-Er-
zeugung« . . »Der Entwurf wird »international«. Die
besten künstlerischen Erzeugnisse jedes Landes können
ihren Weg in jedes andere Land finden. Jeder amerika-
nische Reisende, der Europa und den Orient besucht,
ist ein mächtiger Missionar, der für bessere Ware im
Heimatland wirbt. Er bringt vom andern Ende der Welt
entweder die Original-Erzeugnisse oder zum mindesten
eine Wertschätzung der Stile und Erzeugnisse der andern
Länder. . Der internationale Austausch wird sich mit
Bestimmtheit fortsetzen. Die meisten Quellen der An-
regung sind in den Städten der alten Welt vorzufinden«. .
»Der künstlerische Entwurf, die gute Form muß als
ein Faktor von vorherrschender Bedeutung in
der gesamtenProduktion anerkannt werden«, h.l.
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