Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Heerupstiftung der Hamburger Kunsthalle.

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lerischen Wert des Kopenhageners keinen Abbruch. Dass
er im Vergleich mit einigen unserer heutigen Impressio-
nisten noch „glatt" malte, ist ein rein äußerlicher Ge-
sichtspunkt, der bei einer künstlerischen Abwägung erst
in letzter Linie in Betracht kommen darf. Aus der Not
eine Tugend machend, haben manche sich, durch mehr
oder weniger überflüssige Übertreibungen im Farben-
auftrag daran gewöhnt, einer Malweise nicht den vollen
Anspruch auf Kunstwert einzuräumen, welche keine zehn
Pfund Farbe mehr verschwendet, als zur Darstellung
des Gegenstandes und zur Erzielung der bestimmten
Wirkung erforderlich sein dürften. Vor dem Einfluss
dieser vorübergehenden Strömung muss man sich bei der
Beurteilung eines älteren Künstlers wohl hüten, wenn j
man nicht der Ungerechtigkeit verfallen will. Für seine
Zeit malte Melbye keineswegs glatt, eher derb, kaufte
sich nur die teuersten Farben und sparte nicht damit.
In meiner Photographiensamralung nach den Marinen,
welche der Besitzer von den besten Werken des Malers
aufbewahrte, ist eine Fülle von Kraft und Bewegung,
um die ihn mancher unserer lebenden Marinemaler
beneidet.

Wie ein Wellenberg — denn so benennt ja mit
frommen Schauder das Landvolk die großen rollenden
Oceanwogen — wie so eine Oceanwoge unter schiebendem
Druck des Windes sich bildet, nach oben zu einem
hüpfenden Schaumkämmchen sich zuspitzt, weiterrollt und
zuletzt in mächtiger, schneeweißer Kaskade überklappt
und zusammenbricht; wie ein Schiff unter allen Beding-
ungen — hart am Wind, vor dein Wind, durch den
Wind etc. segelt, wie es stampft und springt bei
einem „harten Südwester", in schwerer Dünung haltlos
schlenkert oder im sengenden Sonnenbrand mit schlaff
hängender Leinwand, bei völliger Windstille, daliegt,
ein müder Seevogel auf dem weiten, leise atmenden
Ocean: das alles hat, wenigstens vor ihm, niemand wahrer
und schöner empfunden, als Melbye. Da er selber als
Schiffszimmermann die See befahren hatte, so besaß er
eine Kenntnis der Takelage und einen Blick dafür, wie
ein Fahrzeug auf dem Wasser liegt, und sein geübtes
Seemannsauge zeichnete das mit nimmer fehlender
Sicherheit.

In der „MorgenStimmung bei den Needles, vor
Sonnenaufgang" schlägt die kalte frische Morgenbrise
den Bauch des im Hintergrunde vorbeifahrenden Rad-
dampfers flach auf das Wasser nieder — eine äußerst
intime Beobachtung. Im Vordergrunde gleitet die auf
den Lootsen harrende große Brigg langsam dahin, mit
dem Bug sanft in die Höhlung einer Welle sinkend. Nach
nächtlicher Arbeit zum Hafen zurücksteuernd, ziehen
die feingebauten schlanken englischen Fischerkutter unter
dem auf Land zustehenden Wind, dicht an der Küste
vorüber.

Als Pendant hing da die „Kleine Rhede von Kopen-
hagen". Frisch, kühl und klar; kurze, gekräuselte Wellen;

darüber blauer Himmel mit fliehenden Ätherwölkchen.
Es ist dies hier nicht zu verwechseln mit dem berühmten
großen Gemälde „Die Bhede von Kopenhagen", welches
der Künstler für einen andern Hamburger Mäcen gemalt
hatte, Abraham Philipp Schult, nach dessen Ableben
sie, wie ich mich entsinnen kann, meistbietend verkauft
wurde.

Von Gabriel Max besaß Heerup drei Bilder, darunter
ein Geschenk, der Kopf der „Santa Julia", nach dem
gleichnamigen Gemälde wiederholt. Der Besitzer hatte
eine hübsche Geschichte bei diesem Bilde zu erzählen.
Es war ihm durch seine überseeischen Handelsbeziehun-
gen mit den Südseeinseln möglich gemacht, eine ganze
Kollektion von Waffen, Geräten, Gefäßen, Schädeln u.dgl.
der Insulaner dem Maler, der bekanntlich leidenschaft-
licher Sammler und Forscher ist, zum Präsent zu machen.
Geraume Zeit verging und da erschien eines Tages eine
Überraschung: Max sandte ihm als Gegengabe das Bild
der Santa Julia, an deren rührenden Zügen der alte
Herr sich nicht satt sehen konnte und die er mit einem
leichten Gazeschleier wieder schützend zuhing, wenn die
Besichtigung vorüber war.

Eine der intensivsten und zugleich schlichtesten
Auffassungen des „Ecce homo", die ich jemals gesehen,
hielt der Besitzer ebenfalls, mit feinem Gefühl für die
Wirkung, hinter einem braunen Vorhang verborgen.
Als er mich zum erstenmal vor dieses Werk hinführte,
sprach er leise und andächtig und diese Stimmung ging
auch auf mich über, als er die Vorhänge zurückzog.
Die rein menschliche Größe und Ergebenheit des Lei-
denden habe ich, ohne eine Spur theatralischer Beimischung,
kaum bei Dürer, und für mein Empfinden, weniger noch
bei den Cinquecentisten, in so einfacher Anspruchslosig-
keit gemalt gesehen. Das Bild ist Brustansicht, in
natürlicher Größe und nicht mit der Darstellung des
Christuskopfes (Schweißtuch der Veronika) zu verwechseln.
Nachdem es lange im Besitz Heerups war, habe der
Künstler ihm eingestanden, dass es meist unter in-
brünstigen Gebeten entstanden sei und er einen zweiten
solchen Ecce homo nicht mehr malen könnte.

Die leise Wehmut, welche als Grundstimmung durch
die sämtlichen Werke von Gabriel Max zieht, sagte dem
unbeschadet seiner festen Energie so warmherzigen und
gütigen Besitzer gerade besonders zu. Es ist auch
dies, was ihm zuerst, glaube ich, Liebermann so nahe
brachte.

Liebermann kam eines Tages nach Hamburg mit
einigen seiner besten Sachen, die der nach Verständnis
mehr als nach klingendem Erfolg dürstende Künstler,
der pekuniär völlig unabhängig war, bei Privatsammlern
unterbringen wollte, wo er Sympatie zu finden hoffte.
Ein mit Heerup befreundeter Geschäftsmann und Lieb-
haber der neuen Richtung machte ihn auf Lieberiminn
aufmerksam und die Folge war, dass das kleine, jetzt
als eine Perle der Hamburger Knnsthalle betrachtete
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