Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

Page: 85
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1896/0049
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
sr»

lichkeit seiner künstlerischen Überzeugung spricht, die
noch manch andern) älteren Künstler zu wünschen übrig
wäre. Auch Ernst Zimmermann gehörte schon einmal
zu den Koryphäen der alten abgestorbenen Künstler-
generation und begnügt sich nicht damit, auf den ehe-
maligen Lorbeeren zu ruhen, was ein neues großes Werk
beweist, das in letzter Stunde hinzugekommen ist.

Ohne nun nicht in pedantisches Abwägen solch
immensurabler Dinge, wie künstlerische Leistungen, zu
verfallen, ist es kaum zu entscheiden, was dem Leser
noch als typisch zu nennen wäre oder nicht. Eigentlich
alles. Doch so löblich diese wohlgemeinte Absicht auch
ist, es geht eben nicht. Zum Schluss nur noch einiges
über die Tiermaler, von denen unser größter, Zügel,
leider nur einige kleinere Impressionen gesandt hat, die
bei alledem noch Perlen sind. Jeder Strich von ihm
zeugt von einem so immensen Können, dass zehn andere
davon zehren könnten. Man weiss nicht, was größer
an ihm: sein wundervoller Farbensinn, seine Zeichnung,
die an Sicherheit ans Phänomenale grenzt, seine tiefe
Naturpoesie oder seine machtvolle Handhabung des Pin-
sels. München kann sich gratuliren, ihn zurückgewonnen
zu haben. — Malerische Leckerbissen sandte Faber du
Faur. Auch er gehört nicht zu denen, welche meinen,
dass das Alter zwingt, konservativ zu werden. Seine
Arbeiten bekunden eine solche Frische, dass sie zu den
anziehendsten Bildern ihrer Art in der ganzen Aus-
stellung werden. Hubert von Heydens ruhende Säue
bilden den schwarzen Mann für das Publikum. Ohne
nun auch gerade den Wunsch zu haben, uns diese
appetitlichen Tierchen ins Haus zu hängen, muss man
doch vom rein malerischen Standpunkt aus der vortreff-
lichen Leistung Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Maffei als Jagdmaler ist bekannt, Böselers Dackl ist
auch für den herzerfreuend, der nicht Maler ist. Doch
damit soll die Statistik ein Ende haben. —

Es ist so falsch, dass man der diesjährigen Secession
und den heutigen Ausstellungen überhaupt vorwirft: die
Schlager fehlen. Man will im Grunde damit ja nur
sagen, dass man die Sensationsstücke, auf die man einst
so viel gescholten, vermisst. Aber das Schelten ändert
daran nichts; sie waren doch recht interessant, aufregend
und gaben so gut zur Disputation Anlass. Dagegen
gehalten, sind allerdings die Ausstellungen heut lang-
weilig, alles Sensationelle ist herausgeworfen und es
herrscht darin eben — nur die Kunst. Die Zeit ist
vorüber, in der man sich durch Extravaganzen zu über-
bieten suchte. Zwar, es werden noch genug von solch
letzteren angefertigt, aber sie erreichen nicht mehr ihren
Zweck, sie kommen nicht mehr durch das schmale Pfört-
lein, das ihnen die Jury heut öffnet. ..Originell um jeden
Preis" gilt heut nicht mehr viel, Ehrlichkeit ist die
Grundbedingung, und nach der Persönlichkeit wird ge-
wogen. Aber einige Pfund dazuzuschwindeln geht gar
schwer, Lügen haben kurze Beine.

DIE AUSLÄNDER
IN SECESSION UND GLASPALAST.

V. Die Franzosen.

Es liegt kein Grund vor, Franzosen und Briten in
beiden Ausstellungen getrennt zu betrachten. Denn
einmal haben sie ja direkt mit den prinzipiellen Ver-
schiedenheiten der Ausstellungsleitungen nichts zu
schaffen und zweitens wäre es schade, das Gesamtbild,
das die Summe beider Ausstellungen bildet, nicht zu
benutzen. Nur kurz sei bemerkt, dass die Schotten
hauptsächlich in der Secession zu suchen sind, während
man die Engländer besser im Glaspalast studirt; dass
hier die Franzosen der Champs Elysees besser als im
Vorjahre vertreten sind und dort die vom Marsfelde eher
ein Nachlassen zeigen. Im allgemeinen ist die Beschick-
ung aus Paris eine solche, dass man sich kein an-
nähernd genügendes Bild von der französischen Kunst
I machen kann und Rückschlüsse aus dem Gesamtbilde der
französischen Säle auf jene müssten ziemlich nachteilig
für Frankreich ausfallen. Dass es Trugschlüsse wären,
sei dabei auch gleich gesagt.

Aber sehen wir sie uns an, wie sie sich hier zeigen.
Und da erscheint mir als Hauptcharakteristikum: trotz
eines feinen Könnens zeigen sie eine gewisse Unbeseelt-
heit, einen Mangel an geistiger Vertiefung, auch da, wo
sie eine nicht zu leugnende Großartigkeit erreichen.
Die Vorliebe für die Ausstellungsmaschinen, die gestellten
lebenden Bilder scheint bei ihnen langsamer zu erlöschen,
als bei den germanischen Völkern. Während bei diesen
das Bild mehr und mehr zu einem einheitlichen Ausdruck
der Persönlichkeit wird, ist es bei jenen ein gewisses
Prunken mit dem Gelernten, was meist auch sehr
respektabel ist. Aber man vermisst dafür gewöhnlich
das, was doch die letzte und wichtigste Bedingung des
Kunstwerks sein soll: die Einheit desselben mit seinem
Zweck. Es ist wohl wahr, dass das Bild im Grunde
Selbstzweck ist, aber man kommt nicht darüber hinweg,
sich bei gewissen Leistungen zu fragen: mussten sie
geschaffen werden? Entsprangen sie einer inneren Not-
wendigkeit? Und was sollen sie? Das denke ich z. B.
bei dem großen Bilde von Chalou „Salome". Gewiss
zeugt es von einem schönen Können, aber streng ge-
nommen ist's kein Kunstwerk, sondern nur eine große
Dekoration, hell in hell, welche leer und mühsam kon-
struirt wirkt. Schon durch das große Format bleibt
ein geistiges Defizit, das nicht durch virtuose Behand-
lung ersetzt werden kann, die sonst den Franzosen eignet.
Übrigens: auch bei uns hier in München giebt es Dutzende,
die so etwas noch viel besser malen würden.

Das andere große Bild, das ihm gegenüber hängt,
Laurents St. Franziskus von Assisi, wirkt ungleich har-
monischer. Es hat thatsächlich etwas Monumentales
und die großen Flächen wirken nicht leer, sondern ruhig.
Man hat davor das Gefühl des Einheitlichen, wenn es
loading ...