Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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die uns überlieferten Worte spricht: „Gut trommeln ist mir
nützlicher als spielen und lieber als Blumen", und endet
mit dem sehnsüchtigen Worte des Greises, der beim Anblick
der wärmenden Sonne murmelt: „Bald werde ich dir näher
kommen". Die Bilder sind mit markiger Hand gezeichnet
und in der Farbengebung nehmen sie sich die englischen
Bilderbücher zum Vorbild, ohne deren Absonderlichkeiten
nachzuahmen. Daß sich hie und da leise Anklänge an
Menzel's berühmte Illustrationen rinden, ist natürlich. Die
Blätter offenbaren dennoch Selbständigkeit, viel Gewandt-
heit und künstlerisches Gefühl und das Buch kann darum
warm empfohlen werden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

Die Raffaelli - Ausstellung im Wiener Künstlerhause
Unter der Phalanx von Modernen, welche in das Künstler-
haus eingezogen sind, ist der Pariser Franeisque Jean
Raffarin derjenige, welcher das Publikum am meisten in
Erstaunen versetzt, den meisten Widerspruch herausfordert
und die absurdesten Kunsturteile. Einer jener geistvollen
Franzosen, die ihr eigenes Gebiet eigen ausarbeiten, „ein
Spiegel und eine abgekürzte Chronik des Zeitalters", einer
von denen, die die Kunst des neunzehnten Jahrhunderts
tragen helfen. In einer trefflichen Würdigung bezeichnet
ihn Muther als den „Maler der armen Leute und der großen
Horizonte", nämlich Paris, die schon entstandene und die
noch entstehende Stadt, die flache Umgegend mit ihrem
„spärlichen, noch werdenden Terrain'', jene trostlos neuen
Häuser und geraden Wege und Chausseen, wie sie die Aus-
dehnung großer Städte mit sich bringt, die öde in der Ferne
auslaufen, die Fabriken, deren rauchende Schlote einen
Dunstkreis über alles breiten, die Herz und Gehirn aus-
trocknen, die den beschäftigungslosen Arbeiter, den Bumm-
ler und Schnapstrinker en gros züchten. Knochige Gäule,
struppige Hunde, Lumpensammler, bescheidene kleine Exi-
stenzen jeder Gattung, das und noch mehr bietet der „Maler
des Hässlichen", auch große Studienköpfe und Porträts; und
ein figurenreiches Gemälde mit einer Menge bekannter Pariser
Persönlichkeiten der Politik und Presse trägt den Titel „Cle-
menceau vor seinen Wählern". Alles ist hier bedeutend,
jeder Pinselhieb sagt etwas; der Ton gelblich-grün mit den
hundert gebrochenen Reflexen in der dumpfen Luft und
schlechten Beleuchtung eines Pariser Wahllokals; plastisch
herausmodellirt bis zum Greifen der charakteristische Kopf
des Agitators. Charakteristisch ist eben alles und zwar mit
einer gewissen, bewussten Absichtlichkeit, die deshalb nicht
beleidigt, weil sie von einem geistreichen Kopf ausgeht, der
bei aller Schärfe der Beobachtung einen leisen Anflug von
gutmütiger Laune nicht verleugnet. Raffaeli malt — und
modellirt, denn es sind mehrere köstliche Bronzebüstchen
und Basreliefs mit neutralem (ausgeschnittenem) Hintergrund
ausgestellt — den Scherenschleifer bei der Arbeit, den Dorf-
bürgermeister aus dem nächsten Ort auf dem Lande der
Pariser Umgegend, den Kutscher, den verbummelten aber
keineswegs ganz verkommenen Poeten und Philosophen (im
Katalog bei dieser Nummer steht „Alter Zigeuner", eine un-
genaue Übersetzung des französischen Bohemien vermutlich?),
den Pudelscherer, endlich den alten Hausirer und den Bettler
auf der Landstraße, die nach der Stadt hereinführt; aber
diese alle thun was sie müssen mit einem gewissen Gleich-
mut, ohne Bitterkeit. Bis zum absoluten Anarchisten, wie
etwa Gavarni mitseinem „Jean Viviloque", dringtRaffaelli nicht j
hinunter. Sein Realismus hat noch einen Schimmer von un-
bekümmerter Liebenswürdigkeit, so bei dem köstlichen kleinen

Bild „Citoyens!", wo zwei Pariser Blousenmännner mit den
Händen in den Hosentaschen einen politischen Anschlagzettel
lesen. Sie werden noch nicht gleich alles in Brand stecken,
diese beiden. Wie arm aber ungefährlich läuft diese Frau
neben dem Wagen mit den Matratzen beim „Umziehtermin"
einher, wie sitzen die beiden reizend gezeichneten alten
Männer gutmütig „Auf der Bank" am Wege! Raffaelli ist
ein Realist, aber noch lange keiner von den Finsteren. Er
predigt keine Revolution, er warnt nicht, er zeichnet nur
das Leben der kleinen Leute, weil es ihn reizt und interessirt
und weil die kleinen Leute in Paris ganz besonders charak-
teristisch sind. Er selbst hat in einer Schrift sein Ziel aus-
schließlich Characterismus genannt und hierin, offenbar ohne
unkünstlerische Nebenabsichten, seinen Stil gefunden. Er malt
keineswegs nur die armen Leute; es ist die Stadt Paris selbst,
das Momentbild einer Straßenecke, eines Platzes, mit all den
emsigen Passanten, mit seinem großen und kleinen Droschken-
und Karrenverkehr, ein flimmerndes Kaleidoskop von Tönen,
Strichen und Flecken, aber in einer Technik, die so an-
spruchslos, so naiv fast ist: die Naivität des rafflnirten
Könnens. Hierzu gehören die Bilder des Platzes vor der
Madeleine, vor dem Are de Triomphe, vor St. Germain des
Pres, La Place de la Trinite (die letzteren beiden Pastelle),
dann La Place de la Concorde mit der Vendöme-Säule und die
Ansicht der Notre Dame-Kirche. Etwas pastellmällig Leichtes,
Strichiges hat überhaupt seine Technik, so dass man von
weitem bei manchem Ölbilde getäuscht wird. Über diesen
dünnen atmosphärischen Hauch hindurch zu großer kolo-
ristischer Feinheit gelangt er in den beiden bläulich licht-
schimmernden Gemälden: Le Palais du Trocadero und Le
Dome des Invalides. Dass das erstere einen Käufer gefunden
hat, deutet auf zunehmenden Geschmack bei uns. Hat er
uns die Stadt gezeigt, so begleiten wir ihn gern mit hinaus,
und hier sehen wir die geraden Landstraßen, die sich
trostlos am Horizont verlieren. Ein solches Bild ist die
Winterstimmung mit den Pferden. Man sehe sich diesen
schmutzig-weißen Gaul an, mit welcher himmlischen Er-
gebenheit er sein Schicksal trägt, oder den Hund, der, in
wenig Flecken angegeben, einem vorbeigeflogenen Vogel
nachzublicken scheint! Alles passt hier zusammen. Ein
feines Pastell ist auch der „Alte Mann beim Gewitter".
Unter den farbig gedruckten Radirungen ist das Blatt „Der
Garten der alten Frau" auch auf der graphischen Ausstellung.
Hierin und in der ganz hellen Olstudie der „Reconvales-
centin" offenbart sich ein feiner, das Gemütvolle im All-
täglichen beobachtender Blick, während in der kleinen Serie
von Zeichnungen über „30 Jahre aus dem Leben eines
Spielers" die sarkastische Ader zu Tage tritt. Die ersten
dieser beiden Nummern haben etwas an sich, was auf die
geistige Vaterschaft William Hogarth's hinüberweisen könnte.

W. SCHÖLEBMÄNN.
Wien im Dezember. Drei Tote, welche dieses Jahr zu
verzeichnen hat, sind im Künstlerhause mit dem größten
Teil ihrer Lebensarbeit vertreten und feiern ihre Auferstehung
an der Hand pietätvoller Freunde, darunter ein Münchener
Meister ehrenvollen Rufes, Wilhelm Ritter von Linden-
schmidt (f d. 8. Juni) und zwei Österreicher, der Bildhauer
Ludwig Dürnbauer (f am 1. Oktober) und der treffliche Plein-
airist Theodor von Hörmann (f d. 1. Juli in Graz). Was
Linilenschmidt gewesen, das wissen, als Mensch und Künst-
ler, am besten seine zahlreichen dankbaren Schüler zu wür-
digen. Kr war einer von denen, welche die große Kunst
noch in den entscheidenden Momenten der Menschheitsge-
schichte suchte, ein so ernster Pilger wie je einer, als Lehrer
an der Münchener Akademie ein Vertreter der Lehr- und
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