Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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richtig und für Wissenschaft und Kunst gleich beachtens-
wert finden. Gegen seine oben wiedergegebene Definition
der Kunst haben wir trotzdem einen Einwand zu erheben,
der allerdings mehr logischer als ästhetischer Natur ist.
Lange sagt: „Die Kunst ist eine durch Übung erworbene
Fähigkeit des Menschen" u. s. w. Nach unserer An-
schauung hat die Definition der Kunst sich nicht mit
der menschlichen Fähigkeit, sondern mit dem Produkte
dieser Fähigkeit zu befassen. Wenn gleich Kunst von
„Können" herstammt, so ist sie doch nicht identisch mit
ihm; sie ist vielmehr das, was durch das Können des
Künstlers hervorgebracht wird. Für dieses hat die
Definition die bestimmten Kriterien anzugeben. Kunst
ist nicht Fähigkeit, sondern Tliätigkeit. Ganz vorzüg-
lich und noch von Keinem, auch von Lange, schon aus
dem hier betonten Grunde, nicht übertroffen ist die
Definition der Kunst von Karl Ottfried Müller. Sie lautet
folgendermaßen:

„Die Kunst ist eine Darstellung, d. h. eine Tliätig-
keit, durch welche ein Innerliches, Geistiges in die Er-
scheinung tritt", u. s. w.

Wir glauben, dass Lange, ohne von seiner Auffas-
sung des Wesens der Kunst etwas Wichtiges preiszugeben,
sich der ersten Bestimmung der Mtiller'schen Definition
anschließen könnte. Auch sonst wird er in der meister-
haften kleinen Ästhetik Ottfried Müller's, die bekannt-
lich die Einleitung zu dessen berühmtem Handbuch der
Archäologie der Kunst bildet, viel für sein beabsichtigtes
neues Lehrbuch Förderndes und Ergiebiges finden. —

Die dritte akademische Antrittsvorlesung, die von
Dr. Heinrich Brockhaus, außerordentlichem Professor an
der Universität Leipzig,1) lässt die heutige deutsche Bau-
kunst Revue passiren und gelangt bei der Vergleichung
des Schaffens der Gegenwart mit dem der Zeit vor fünfzig
Jahren zu dem Schlüsse, dass wir beträchtliche, auf
solidem geschichtlichen Grunde beruhende Fortschritte
gemacht haben. Zunächst erblickt er dieselben in der
früher unerhörten Mannigfaltigkeit der nebeneinander
bestehenden Bausysteme; „Klassisches und Romantisches,
Altes, Neueres und Neuestes, lebt und webt vor unsern
Augen durcheinander"; dazu kommt die hohe Ausbildung
der Technik, die lebhafte Sprache des Details, die zu-
nehmende Farbigkeit. In allen diesen Rücksichten war
die deutsche Baukunst vor einem halben Jahrhundert
noch weit zurück. Die Entwicklung ist unleugbar. Der
Autor legt bei der Betrachtung der neuen Errungen-
schaften auf drei Dinge namentlich Gewicht: auf die
Gesamtanlage, auf Material und Technik und auf den
persönlichen Charakter des Bauwerks. Zu wenig Be-
deutung, scheint uns, ist dem künstlerischen Element im
eigentlichen Sinne des Wortes beigemessen. Das führt
häufig zur Überschätzung des „Genialen", das in Wahr-

1) Unsere heutige Baukunst. Antrittsvorlesung, gehalten
am 9. Februar 1895. Leipzig, F. A. Brockbaus. 1895.
31. S. 8°.

heit nur durch plumpe Massenhaftigkeit und Willkür
imponirt, oder zum Verwechseln von technischer und
konstruktiver Gediegenheit mit architektonischer Be-
deutung. Wenn Brockhaus die Frage so gestellt hätte,
ob das Deutschland vor fünfzig Jahren oder das von

I heute in dem Kreise seiner Architekten mehr echte
Künstlernaturen aufzuweisen habe: würde die Antwort

I dann wohl ebenso günstig für die Gegenwart lauten?

C. v. L.

ZEICHNUNGEN DEUTSCHER KÜNSTLER.

Es ist schon eine Reihe von Jahren her, dass ich
einmal im Cornelius-Saale der Nationalgalerie zu Berlin
einen Vortrag Uber die Kompositionsgesetze der klassisch-
romantischen Kunst hielt. Ich hatte mir als Beispiel
eines der größten ihrer Werke, Cornelius' Karton von
der Zerstörung Troja's ausgesucht, um an ihm das
Mechanische des Aufbaues darzuthun. Wie jede Bewe-
gung weniger dem Gegenstande als dem Künstler zu
liebe gemacht wird; warum der Krieger vorn mit ge-
spreizten Beinen dasteht und warum wieder das linke
Bein geknickt ist; warum die Jungfrauen sich von
links an die Alte lehnen müssen und der alte Priainus
ein nach rechts auf über Meterweite ausgebreitetes
Tuch, der Jüngling hinter ihm einen diesem parallel
liegenden Arm haben müsse: die ganze Dreieckselig-
, keit des Aufbaues, die oft recht kleinlichen Mittel langer,
die Gruppe zusammenhaltender Linienführung, der über
dem Ganzen ruhende Zwang sollte erklärt und nach-
gewiesen werden.

Und während ich so vor der gelben, tonlosen Papier-
wand stand, von der mit verblassender Kohle die Zeich-
nung fahl herabschaute, den Linien nachgehend, die korre-
spondirenden Motive zusammensuchend: warum erbe Lanze
links gloichweit von der Bildachse mit jener rechts;
warum links der Koloss des hölzernen Pferdes, wo rechts
die Säulenhalle steht; warum hinter beiden haufenartige
Gruppen, — da sali ich mich nach und nach in die
(iröße des Werkes hinein, das innere Leben drang durch
die trockene Geometrie der Kompositionskunst hindurch, der
mächtige Mann, Cornelius, erschien drohend und wieder
mitleidig lächelnd hinter dem Papier, lächelnd über den,
der ihn in seinen Schwächen suchen wollte. Und ich
endete meinen Vortrag mit einem Sündenbekenntnis
Ich hatte die Kleinheit der Kunst der Kartonzeichner
an ihrem Bedeutendsten beweisen wollen, aber ich habe
erkannt, dass auch hier nicht das Wesen des Kunstwerkes
im Wie und nicht im Was, sondern im Wer steckt.

Und das ist mir sehr lebhaft in Erinnerung ge-
kommen bei Durchsicht der schönen Sammlung: „Zeich-
nungen deutscher Künstler von Garsiens bis Mcn-.rl",
welche W. von Seidlitx, herausgab.x)

1) Verlagsanstalt für Kunst und Wissenschaft, vormals
Friedrich Bruckmann.
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