Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Vorarbeiten ist die Verwendung von 25 000 M. von der
Münchener Stadtgemeinde in Aussicht genommen und sollen
nur die Fresko- oder Mineralmalerei, oder das stereo-
chromische Vorfahren bei der Ausführung in Frage kommen.
Unter den neun Preisrichtern befinden sich sieben Maler:
Akademie-Direktor Ludwig vonLöfftz, die Professoren Friedrich
August von Kaulbach, Rudolf Seit/,, Ludwig Herterich, Paul
Höcker, August Spieß und Alexander Wagner, sowie die
beiden Architekten Josef Bühlmann und Adolf Schwiening;
es sind vier Preise im Betrage von 1000 M., 500 M., 300 M.
und 200 M. festgesetzt.

DENKMÄLER.

0 Die Ausschmückung der Siegesallee in Berlin mit
den Statuen brandenburgisch-preussischer Herrscher ist nun-
mehr definitiv geregelt worden, nachdem am 16. März in
(legenwart des Kaisers eine Probe mit einem gemalten Kou-
lissenmodell gemacht worden ist. Das Koulissenmodell gab
alle Teile der Anlage, die umgebende Hecke, die halbkreis-
förmige Bank, das Standbild und die Büsten in den geplanten
Größenverhältnissen wieder. Danach wird jede Gruppe an
der Straßenfront etwa 8 m breit, jedes Standbild ungefähr
2,50 m hoch und jede der Büsten etwas über lebensgroß
sein. Zunächst sind die vier ersten Markgrafen aus dem
Hause Ballenstedt in Auftrag gegeben worden, und zwar an
die Bildhauer Schott, Unger, Uphues und Boese. Sie sollen
in einem Jahre fertig werden und dann jährlich vier weitere
folgen, so dass der ganze Schmuck, der aus 32 Gruppen be-
stehen soll, ich acht Jahren vollendet sein wird. Die Ge-
staltung der Architektur ist dem Architekten Halmhuber
übertragen worden. Die Ausführung wird nicht, wie ur-
sprünglich beabsichtigt war, in tiroler, sondern in carra-
rischem Marmor erfolgen.

=tt. München. Das vom Berliner Bildhauer Emil Hund-
rieser modellirte Reiterstandbild für das Kaiser Wilhem I.-
Denkmal auf dem Kyft'häuser wurde durch die hiesige Hof-
Kunstanstalt von Heinrich Seitz in Kupfer getrieben und er-
forderte bei unausgesetzter Beschäftigung von 25—30Gehilfen
l'/i Jahr; das jetzt vollendete Werke erreicht 972m Höhe. Eine
weitere Figur zum Kyffhäuser-Denkmal stellt die Geschichte
als sitzende Frauengestalt in kriegerischer Tracht dar; die-
selbe wurde vom hiesigen Kupferschrniedmeister Kiene nach
Hundrieser's Modelle in Kupfer getrieben und erreicht eine
Höhe von 5,60 m. Beide Kolossal-Bildwerke werden vor
dem bereits vollendeten 65 m hohen Steinturme aufgestellt
und das ganze Denkmal, welches die deutschen Landes-
Krieger-Verbände Kaiser Wilhelm I. errichten, am 18. Juni
dieses Jahres zur feierlichen Enthüllung gelangen.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

München. — Professor Alberl Keller führte auf dem
Gebiete der intimen kleinen Ausstellungen eine Neuerung da-
durch ein, dass er sein Atelier einige Tage allen „Freunden
seiner Kunst" öffnete. Diese Art der Ausstellung ist wohl
eine der glücklichst gewählten, die es überhaupt geben kann.
Nicht allein, dass alle neben den neuen für die Öffentlich-
keit bestimmten Sachen auch all die älteren und ältesten
Skizzen und intimen Aufzeichnungen, die wohl eine jede
Malerwerkstätte beherbergt, bewundern konnten; schon der
Arbeitsraum selber konzentrirt das Interesse und das Ver-
ständnis für die Geistessphäre des Künstlers viel besser, als
die bestorganisirte Ausstellung. — Eine neue Charakteristik
des Meisters geben zu wollen, käme fast einer Kränkung
desselben gleich. Es sei genug, gesagt zu haben, dass all

die bekleideten und nackten Frauengestalten echte Werke
seiner Hand sind, die sein bewundernswertes malerisches
Können von neuem darlegen. Und doch thut es einem fast
leid, dass Keller die phantastische Mävchenstimmung, die in
manchen alten Skizzen von der Wand leuchtet, so ganz ver-
lassen hat, besonders da er in ihnen schon ganz auf der
Basis seiner heutigen modernen Anschauungen steht. — Im
Kunstverein fand kürzlich die Ausstellung der zur Verlosung
angekauften Bilder statt. Obwohl nun gar nicht zu leugnen
ist, dass bei diesen eine stattliche Anzahl wirklich guter
Leistungen war, so macht doch das Ganze noch keinen, große
Hoffnungen erweckenden Eindruck. Möchte doch dort endlich
einmal das Ende der breiten Bettelsuppen herankommen und
der Verein seinem Namen gerecht werden! Vereinzelte An-
zeichen der Besserung sind ja vorhanden. Neulieh war eine
ganz vorzügliche Kollektivausstellung des Münchener Radir-
vereins aufgestellt, der mit seinen rein künstlerischen Lei-
stungen den großen Saal füllte und klar zeigte, mit welch
regem Interesse sich die gesamte jüngere Künstlerschaft den
Problemen der zeichnenden Künste zuwendet. Leider ist es
hier nicht möglich, länger bei den Einzelleistungen zu ver-
weilen; nur eines Künstlers möchte ich Erwähnung thun,
der sich kurz vorher auch durch eine besondere Kollektiv-
ausstellung hervorgethan: H. Urban. Ein jeder, der an
künstlerischen Fortschritten seine ehrliche Freude hat, muss
sie vor Urban's Arbeiten empfinden. Bis noch vor kurzem
stark in einer schwächlichen Nachempfindung Böcklins be-
fangen, zeigt er sich hier so auf eine persönliche Note abge-
klärt, dass von einer Unselbständigkeit nicht mehr die Rede
sein kann und er sich nur noch soweit im Banne des großen
Schweizers zeigt, als die gesamte moderne Kunst unter jenem
Zeichen steht. Solange es sich nur um eine gemalte Phrase
handelt, ist es ganz am Platz, über solche Äußerungen zum
folgenden überzugehen, nicht aber da, wo jemand gesagt
hat, was ihm ums Herz war. Und dies letztere war hier bei
Urban zweifelsohne der Fall. — Noch eine andere Kollektiv-
ausstellung war sehr interessant : die des verstorbenen älteren
Benncu'üz von Loefcn. Man sah hier vor den ausgestellten
Skizzen mit Erstaunen, welch feiner Landschafter es gewesen,
den man in seinen Bildern nur als Vertreter einer absterben-
den Epoche gekannt. Hier in den Naturstudien, wo er nicht
durch die Brille bekannter Komponirregeln gesehen, ent-
wickelt er eine Feinheit und Intimität des Tons, der in ihm
einen beachtenswerten Vorläufer des Modernen erkennen
läßt. — Ein „Ereignis" für München war die Gründung der
Birth'schen „Jugend". Sie sollte ein Tummelplatz aller
jungen Kräfte werden und nur der, der nicht das Programm
gelesen, konnte ein stilles, geklärtes Blatt erwarten. Die
„Jugend" sollte aber eben ein Organ für das viele Gute, aber
Ungeklärte werden, und da die meisten Familienzeitschriften
nur das Schlechte, dem nie eine Abklärung blüht, zu bringen
pflegen, war das Programm wahrhaftig nicht so schlecht.
Trotzdem blieben die ersten Hefte hinter den Erwartungen
zurück, und ein gewisser Teil der Münchener fiel mit einer
Art Heißhunger lästernd über das Blatt her. Nun aber zeigt
sich von Nummer zu Nummer mehr, was dasselbe eigentlicli
will, und da wäre es doch schon böser Wille, wollte man
nicht anerkennen, dass hier etwas sehr Beachtenswertes ent-
steht, das sich gewiss den anderen hochbedeutenden Schöp-
fungen Hirth's würdig anreihen wird. Jugend hat keine
Tugend, und wenn man hie und da eine Zeichnung lieber
missen wollte, so ist das doch kein Grund, ein Unternehmen,
das aus rein künstlerischen Gesichtspunkten geleitet wird und
den geschäftlichen Interessen zu Lieb nie dem Moloch Publi-
kum opfert, nicht mit Anerkennung zu begrüßen. scil.—NßG.
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