Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die XXIV. Jahrsausstellung im Wiener Künstlerhause.

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gestellte Problem hier als gelöst betrachtet werden darf.
Auch die feine Zeichnung der Figur und der bleichen
Züge des am Arm des knochigen Burschen lehnen-
den Mädchens geben, im Verein mit all der -warmen
Sonne, die Idee des Bildes, die Rekonvalescenz, mit wirk-
lich künstlerischer Empfindung zum Ausdruck. Wer das
so malen kann, hat zugleich ein starkes und ein feines
Talent. Es ist nicht lange her, als man so etwas in
Deutschland und Österreich vergebens versuchte. Jetzt
giebt es Mehrere, die es zu machen wagen und auch
vermögen. Das ist von nicht zu übersehender Bedeutung
und bei der nachdrängenden Hast der Zeit mag es
nicht unerlaubt erscheinen, solche feste Haltepunkte
und Grenzsteine am Wege rot anzustreichen.

Die Graf scheu lebensgroßen Porträts zeigen ein
unabhängiges Gefühl und ich glaube, dass hier der
künstlerische Ernst die scheinbare Originalitätssucht,
welche Einige dem Künstler vorwerfen mögen, zu über-
winden und zu adeln imstande ist. Der trockene,
pastellartige Farbenauftrag ist nicht Jedermanns Sache
und manches Auge wird unangenehm davon berührt.
Mir geht es auch jedesmal so beim ersten Anblick, bis
sich das Gefühl daran gewöhnt, diese anspruchslose und,
man dürfte wohl sagen ,,ungeniale Technik", zu ertragen.
Wie weit sich das Malen auf Kreidegrund in der Folge
wirklich bewähren wird, muss und kann erst die Zukunft
lehren. Schaden könnte es den so gemalten Bildern
nicht, wenn sie — wie man erwartet — später wirklich
schöner werden als sie zu Anfang sind, wenn noch alles
eingeschlagen ist. Hoffen wir das Beste!

Krämer und Engelhart sind beide vertreten, ohne
indessen hervorzuragen. Bei dem letzteren sind starke
Münchener Einflüsse bemerkbar, doch vermochte mich
sein in Tempera gemalter „Sündenfair' nicht vollkommen
zu überzeugen, dass ihm dabei wohl und natürlich ums
Herz gewesen ist. Vielleicht täuscht der Eindruck nicht,
dass das heiter Anmutige dem ernst strebenden Künstler
näher liegt, als die dramatische Wucht. Eine handfeste
Natur, wie Franz Stuck, dürfte keinen günstigen Ein-
fluss auf dieses biegsame und vielseitige Talent aus-
üben, das sich vor Zersplitterung zu hüten haben wird.

Franz Zimmermann's „Maria Verkündigung" mutet
fast wie ein in die Gegenwart mit modernen Farben
übersetzter Früh-Florentiner an, von der Zeit, da die
frommen Mönche in Fiesole und Carmine aus der etwas
überladenen gotischen Epoche der Nachfolger Giotto's in
die freiere Einfachheit der Renaissance übergingen, mit
der erwachenden Freude am irdischen Dasein, am Natür-
lichen und Rein-Menschlichen. Sollte etwa ein „Fra
Filippo" der aus der Ferne zuschauende Verwandte dieser
noch halb kindlichen Maria sein und Patenstelle bei ihr
vertreten haben? Der Typus dieser, bei dem älteren
Lippi zuersf mit Bewusstsein zum Ausdruck gelangten,
rührenden, aber der himmlischen Verklärtheit fast ent-
kleideten Jungfrau, mit den zarten, bescheidenen Formen,

dem kleinen Kinn und der breiten, etwas leeren Stirn,
scheint hier der vielleicht unbewusste Niederschlag einer
italienischen Erinnerung zu sein. Bei der durchaus
modernen Technik, mit der kühlen, ruhigen und klaren
Farbenharmonie, darf von Archaismus im gewöhnlichen
Sinne nicht gesprochen werden. Aber es ist doch die
Frage, ob eine solche Kunstempfindung heute lebens-
berechtigt und ausbildungsfähig sein kann, da ihr dazu
die Nahrung, welche sie früher durch die stete Berührung
mit dem herrschenden ganzen Volksempfinden erhielt,
fehlt. Eine Kunst ohne Widerhall auf dem Resonanz-
boden des allgemeinen Bewusstseins, eine Kunst für
Künstler und Kunstgelehrte bleibt ein gefährlich Treib-
hauspflänzchen, das schließlich an Anämie sterben muss,
so edel es auch von Abstammung sein mag. Versuche
der Art, und manche ernstgemeinte, stehen nicht mehr
vereinzelt da, doch über diese hinaus wird man schwer-
lich kommen. Zimmermann's Bild, in seinem schlichten,
fensterartigen und oben leicht abgerundeten Rahmen,
ist ein Idyll voller Naturgefühl und keuscher Einfalt.
Die auf einer Marmorbank sitzende Maria im grünen
Tuchkleide, über deren Schoß ein dunkelblaues Gewand
niederfällt, empfängt die Botschaft des jugendlich-weib-
lichen Himmelsboten, dessen rosiges Gewand in eng-
anliegendem, fast durchsichtigem Gewebe herabfließt.
Das Antlitz der Maria ist eine Mischung von Demut
und naivem Staunen und macht den Eindruck eines be-
stimmten Porträtkopfes. Weniger Vertiefung zeigt der
Engel, dem ein konventioneller Zug nicht zum Vorteil
gereicht. Aber seine ganze Naturhingebung hat der
Maler auf die Landschaft gelegt, die in herrlichem Fern-
blick sich hinzieht. Eine so reine, ernste Stimmung
breitet sich über Fluren, Hügel und Wälder aus, dass
diese Fernsicht hier keineswegs untergeordnet, sondern mit
dem Ganzen zu harmonischer Einheit verbunden erscheint
und dadurch dem Werk einen echt künstlerischen Wert
sichert. Gewährt aber dieses Künstlertum der Richtung
auch eine Zukunft? Wird diese alt-naive „Verkündigung"
die Empfindungen einer kommenden Generation wieder-
spiegeln? Ich glaube kaum.

Ein Kolorist, der seine Palette mit allem Reichtum
der Kontraste ausstattet, ist der Maler des „Jung-
brunnens": Eduard Veith. Vom feinsten Grau bis zum
tiefsten Rot und Gold ist alles vereint, was sich schlechter-
dings zusammenbringen lässt, ohne aus der vollklingenden
Harmonie herauszufallen. Veith's Geschmack für das
Schillernde, Prachtvolle, und sein mehr tüchtiges als tiefes
Talent sollten für Scenenmalereien und dekorative Zwecke
überhaupt nutzbar gemacht werden können.

Stark, beinah zu stark, sind die Wiener Porträtisten
aufmarschirt; an ihrer Spitze Leojiold Horovitz und
Arthur Ferraris, und neben ihnen behauptet sich auch
August Pollali, dessen geistvolles, unterlebensgroßes
Bildnis von der Accademia S. Luca in Rom prämiirt wurde.
Auch das Männerporträt im Pelz (Nr. 160) von Henriette
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