Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die XXIV. Jahresausstellung im Wiener Künstlerhause.

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befriedigt und möchten nun in Schönheit sterben. — Die
künstlerische Bedeutung der Engländer wird zunehmen,
je näher wir sie kennen lernen. Ihre durchaus aristo-
kratische Kunstweise, ihr feiner Formensinn, der sich
mit so viel verhaltener Kraft paart, enthalten viel, was
unsere unmittelbare Aufmerksamkeit in Anspruch zu
nehmen berufen ist, nachdem wir den subjektiven Kolo-
rismus der Schotten fast über Gebühr gewürdigt haben.
Die Engländer berauschen nicht so unmittelbar, wie die
„Boys of Glasgow" es gethan. Aber sie üben eine
Wirkung aus, welche, wenn auch langsamer, so doch
vielleicht dauernder überzeugt; und sie üben eine von
Fremdwörtern ebenso freie, wenn nicht noch freiere,
Aussprache. Den Engländern wird zunächst unser Inter-
esse und unsere Teilnahme in erhöhtem Maße als bisher
gelten. Denn sie haben uns noch allerhand zu sagen.

Die Niederländer sind durch den in Antwerpen
lebenden Jacq. P, Dierchx mit einem meisterhaften Bilde
„Le fumoir" (Das Bauchzimmer im Greisenasyl zu Ant-
werpen) vertreten. Unter dem Gesichtspunkt des von
hinten durch drei trübe Fensterscheiben hereinfintenden
Lichtes kommen die Typen und das ganze Milieu hervor-
ragend zum Ausdruck. Auch in der Marinemalerei be-
weist das Strandbild von Adrian Le Mayeur die natur-
treue Beobachtung, die dabei nicht in so trockene reizlose
Mathematik verfällt, wie die beiden poesielos wahren
Motive von Eugen Dücker, welche dicht daneben hängen.
Die nicht uninteressante Parallele ergiebt die Superiorität
des Belgiers, der mit derselben Wahrheit und Ton-
richtigkeit eine weit größere Stimmung und poetische
Suggestionskraft als der Düsseldorfer Meister erreicht.

Der Haupttreffer in der Marinedarstellung dürfte
diesmal Hans von Barteln' große „Brandung", eine mei-
sterliche Leistung voll Verve und Wucht, sein. Er
hat seiner genialen Virtuosität freien Lauf gelassen
und nur durch Wasser und Luft, ohne Zuhilfenahme
von Nixen und Tritonen, in realistischer Naturauffassung
seinen Zweck vollkommen erreicht. Das blitzt und
schäumt in silberhellster Freude; flimmernder Glanz
strahlt von Tang, Seegras und Klippen, überspült von
den stürzenden Wassern der Brandung. Das Werk ist
ein kühn gelungener Wurf, der beweist, dass man auch
ohne die Landschaft mit Fabelwesen zu bevölkern, eine
große Natursymbolik ausdrücken kann.

Der sich allmählich zu seinem Vorteil entwickelnde
Carlos Qrethe, der eine Art „Marine-Genremalerei"
betreibt, stellt zwei feingestimmte Bilder aus, die künst-
lerisch erfreulicher sind als das große Sturmmotiv
„Finale". Sowohl in dem humoristischen „Koch auf dem
Wege zur Kajüte" wie in den „Seegeschichten" sind
wirklich koloristische Qualitäten und reifendes Können
nicht zu leugnen.

Von den übrigen Münchenern begegnet man mei-
stens Arbeiten, welche von der vorjährigen Secessions-
ausstellung her bekannt sind; ich enthalte mich, des

j mangelnden Raumes wegen, ebenfalls den neuerdings
vielbesprochenen Giovanni Seyantini hier nochmals einer
eingehenden Würdigung , zu unterziehen. Der in der
Schneewelt des Engadin lebende Italiener hat das Haupt-
verdienst, die Alpenregion und das künstlerisch Brauch-
bare des Hochgebirges von einer neuen Seite angefasst
zu haben. Ob er auch ein wirklich berufener Symboliker
ist, soll sich erst zeigen. Erwähnt seien ferner des in
Paris lebenden Eugen Jetiel feingetönte landschaftliche
Motive und des Müncheners Emil UM landschaftlich
behandeltes, stimmungsvolles Bild „Flucht nach Ägypten".
Sollte aber nicht doch „etwas weniger" Leinewand die-
selbe Wirkung hervorgebracht haben? — Stimmungs-
voll ist auch entschieden der als Radierer bekanntere
Maximilian Dasio, mit seinem koloristisch düster-kräf-
tigen „Heil. Sebastian", und eins der besten Porträts
liefert diesmal wieder Franz Simm, mit dem entzückend
geschmackvoll aufgefassten „Porträt meiner Jüngsten".
Da ist Künstlertum und Vaterliebe in eins verschmolzen!
Man fühlt es, wie der Maler dieses Kind, mit dem fei-
nen pikanten Mündchen und dem klaren Auge, lieb
haben muss. Und wie sie so dasitzt, die „kleine Groß-
macht", auf dem roten Stuhl vor der zarten, grauen
Gobelintapete! Man merkt gar nicht, wie rot dieser
Stuhl eigentlich ist, so exquisit fein gestimmt und ge-
schmackvoll hat Simm das alles gemalt.

Über die Aquarelle und Pastelle ist nicht viel zu
sagen. Man scheint sich in der Aquarellausstellung
vor zwei Monaten ziemlich ausgegeben zu haben. Gleich
anfangs (Nr. 432) ist eine Ölstudie zwischen die Ab-
teilung hineingeraten (Ernst Stohr's „Winterabend"),
und auch hier hängen die Wände voll aufdringlicher
Porträts, Portäts — und wieder Porträts, die keinen
Anspruch auf sonderliches künstlerisches Interesse machen
können. Eine kleine Ausnahme bildet das feinempfun-
dene Pastellporträt einer jungen Dame von Willi Döring
in Charlottenburg und einige außerordentlich fein ge-
malte lebendige Miniatur-Aquarelle auf Elfenbein (Por-
träts) von Marie Müller (Wien). Ein dekorativ kolo-
ristisches Talent scheint Eduard Lebiedzki in Wien zu
sein, der eine Reihe von Entwürfen für Wandgemälde
(Eigentum der Gesellschaft zur Förderung deutscher

i Wissenschaft, Kunst und Litteratur in Böhmen) aus-
stellte. Soll ich noch Franz von Lenbach's zwei Por-
trät-Pastelle nennen, in jener pikanten Mischung von
schönen, kräftig bewußten Contouren und leisen Andeu-

I tungen gemalt, die wir kennen und bewundert haben, oft
genug? — Unter den eigentlichen Gouachen fällt fast
nur als wirklich frisch und gut auf M. Ledeli in Wien:
„Kavalleriepatrouille des Ulanenregiments Nr. 1", und
unter den Radierungen, Steindrucken etc. Hans Temple's
Monodruck („Professor William Ungar im Atelier"), eine
Art des Druckes, die, aufs neue von den Engländern,
besonders Herkomer, angeregt, sich recht gut für breite,
rein malerische Wirkungen zu eignen scheint. Im
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