Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Korrespondenz aus Dresden.

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sie. das neue Ausstellungsgebäude bot, das auf diese
Weise die würdigste Weihe durch die Kinder des Früh-
lings erhalten hat. Wir dürfen annehmen, dass auch
die Ende Juni zu eröffnende Ausstellung für das sächsi-
sche Handwerk und Kunstgewerbe vorteilhaft dort unter-
gebracht werden kann. Hoffentlich lässt man bei ihrer
Einrichtung in höherem Maße künstlerische Gesichts-
punkte walten, als dies bei der Gartenbauausstellung der
Fall war. Denn so prächtig die einzelnen in ihr vor-
geführten Blumen und Pflanzen waren, so schöne Exem-
plare der seltensten Art man zu sehen bekam, so wenig
konnte das Gesamtarrangement befriedigen. Litt dieses
doch auffallend durch die Einförmigkeit der Inscenirung,
für die nicht nur in dem eigentlichen Ausstellungsge-
bäude, sondern auch in den meisten übrigen Hallen meist
ein und dasselbe Schema gewählt worden war. Eine
wahrhaft erfreuliche Ausnahme machte nur die in jeder
Hinsicht großartige Sammelausstellung aller erdenklichen
Arten von Rhododendron, die von der Seidel'schen Gärtnerei
in Striesen bei Dresden arrangirt war. Hier war die
ganze linke Seite der Fronthalle an der Stübelallee in
einen sanft ansteigenden Garten verwandelt, durch den
ein anmutig sich krümmender Weg in die Höhe führte
und ein leise plätschernder Bach herabrann. Auf diese
Weise kam Leben und Bewegung in das Ganze, und das
Auge konnte sich, ohne durch die Massenhaftigkeit er-
müdet zu werden, an der Pracht und Schönheit der
einzelnen Exemplare in Ruhe erfreuen. Am Ende der
Halle gab es eine Überraschung für das Publikum,
da man, auf der Höhe angelangt, auf ein Zelt stieß, aus
dem man auf ein von dem Hoftheatermaler Wieck ge-
maltes Diorama blickte, das eine partielle Ansicht des
Schlosses Sibyllenort bei Breslau gewährte und von den
Massen, die sich in der Ausstellung drängten, unaufhör-
lich belagert wurde.

Sonst war die Kunst in dieser Blumenausstellung
wenig zu ihrem Rechte gekommen, und wir erinnern
uns, vor Jahren im Glaspalast zu München eine Blumen-
ausstellung gesehen zu haben, die sich in Bezug auf
Reichhaltigkeit, Umfang und Bedeutung der Ausstellungs-
objekte nicht entfernt mit der letzten Dresdener Garten-
bauausstellung messen konnte, bei der aber in Bezug
auf das Arrangement an jeder Stelle zu merken war,
dass ein feiner künstlerischer Geschmack dabei maß-
gebend gewesen war.

Dresden ist eben, obwohl die Lokalpatrioten so oft
das Gegenteil behaupten, noch weit entfernt davon, eine
Stadt zu sein, in der die Kunst wirklich in allen
Schichten der Bevölkerung Wurzel getrieben hätte.
Wie wäre es sonst möglich gewesen, daß man für die
Ankündigung der Gartenbauausstellung ein so lang-
weiliges, in seinen Motiven abgedroschenes Plakat ge-
wählt hätte, wie dies thatsächlich der Fall war? Dies
ist um so mehr zu verwundern, als gleichzeitig
im Kupferstichkabinett eine Ausstellung künstlerischer

Plakate zu sehen war, in der der neu ernannte Direktor
desselben, Prof. Lahrs, eine ungemein reichhaltige und
instruktive Auswahl der besten Muster französischer,
englischer, amerikanischer und niederländischer Ankün-
digungen vereinigt hatte. Da zeigte sich allerdings, wie
sehr wir Deutschen in vieler Hinsicht noch von dem
Auslande zu lernen haben, denn wer überhaupt Augen
zu sehen hat und ruhig zu urteilen vermag, der musste
bekennen, dass Affichen, wie sie von Jules Cheret oder
von seinen Schülern Luden Lefevre, George de Feuve,
Eugene Grasset und anderen französischen Künstlern
oder von den Engländern Dndley Hardy und Maurice
Greiffenhagen herrühren, selbst die besten deutschen
Arbeiten von Otto Greincr, Franz Stuck, Nicolaiis Gysis
und Rudolph Seitx nicht nur an Wirksamkeit, sondern
auch an Stilgefühl und namentlich durch die Vollendung
in der Druckausführnng weit übertreffen. Da die Leser
dieser Zeitschrift erst unlängst durch den Artikel von
/'. Jessen auf die Bedeutung des Plakates für die moderne
Kunst hingewiesen worden sind, müssen wir es uns ver-
sagen, hier noch einmal auf diesen Punkt näher einzu-
gehen, doch wollen wir nicht unterlassen darauf hinzu-
weisen, dass Lehrs für die Ausstellung im Dresdener
Kupferstichkabinet einen bei Wilhelm Hoflfmann in
Dresden gedruckten, geschmackvoll ausgestatteten Katalog
hat erscheinen lassen, dem er eine lehrreiche Einleitung
über die Geschichte des modernen Plakates voran-
geschickt hat. Als eine schätzenswerte Frucht dieser
Bemühungen, durch fremde Vorbilder den einheimischen
Talenten die richtigen Wege zu zeigen, möchten wir aber
wenigstens auf den preisgekrönten Entwurf des Dresdener
Malers Otto Fischer hinweisen, den dieser zur Ankün-
digung der mit der kommenden Dresdener Gewerbe-Aus-
stellung verbundenen „Alten Stadt" hergestellt hat.
Denn obwohl in der Linienführung nicht scharf genug
— das Wasser hebt sich nicht deutlich genug von den
Uferrändern ab — ist dieses mit drei Platten in Blau
Rot und Gelb hergestellte Plakat doch eines der wirk-
samsten, die bisher von deutschen Künstlern ersonnen
worden sind. Fischer fällt es nicht ein, wie die Fran-
zosen durch mehr oder minder frivole Pikanterieen reizen
zu wollen, vielmehr soll seine junge, blonde Frau in der
Tracht des sechzehnten Jahrhunderts, welche den
Beschauer einzuladen scheint, sich der über die Brücke
in die alte Stadt drängenden Menge anzuschließen, in
sinniger Weise darauf hindeuten, dass dort als Seiten-
stück zu der in der Hauptausstellung vereinigten Samm-
lung von Erzeugnissen unserer Zeit der Versuch ge-
macht wird, durch trefflich gewählte Proben zur An-
schauung zu bringen, unter welchen Verhältnissen unsere
Vorfahren gelebt haben, und wie reichlich ihr Dasein
von der Kunst durchtränkt war.

In diesem Punkte steht die Gegenwart trotz der
eifrigsten Bemühung von Seiten einer kleinen Minderheit
noch immer hinter der Vergangenheit zurück, und wenn
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