Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Ausstellungen in den Champs-Elysees und auf dem Champ-de-Mars. I.

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die Kunst Jener hat, wie die gesamte moderne Kunst,
in französischem Boden ihre ersten Wurzeln getrieben,
in jenem Boden, den die Kunst der Tradition bereitete,
die — in der Ausstellung in den Champs-Elysees noch
heut vorwiegend uns entgegentritt. Denn von einigen
wenigen Werken abgesehen finden wir hier immer noch
die künstlerischen Anschauungen einer Zeit lebendig,
deren Aufgabe es gewesen, durch Bewahrung und Aus-
bildung überkommenen Könnens, durch Pflege der Hand-
geschicklichkeit spätere selbständige Leistungen vor-
zubereiten.

So ehrenvoll die Erfüllung dieser Aufgabe für die
Kunst jener Zeit war, so sehr wir dafür dankbar
sein werden, dass sie dieser mühevollen Pflicht sich
unterzogen, wir werden es doch bedauern müssen, wenn
wir sehen, dass nun auch heute noch hier in alter Weise
gepflegt und geübt wird, was längst verbessert, ver-
feinert worden ist, dass man es hier versäumt, selbst
die Früchte einzuheimsen, die der eigene Fleiß hat
zeitigen helfen.

Sicherlich ist die Erwerbung einer soliden Basis
gründlichen Könnens die Voraussetzung jedes gedeihlichen
Kunstschaffens und der Wert, den man in Frankreich
hierauf gelegt hat und auch heute noch legt, hat nicht
zum wenigsten der französischen Kunst ihre Stellung
verschafft und macht heute selbst die Irrtümer Über-
moderner hier immer noch erträglich. Aber das Mittel
darf nicht zum Selbstzweck werden, die Sprache nicht
wichtiger als der Gedanke, den sie ausdrücken soll, die
Form nicht bedeutungsvoller als der Inhalt. Denn der
Erfolg solches Schaffens ist dann nicht mehr Kunst,
sondern — Virtuosentum.

Und Virtuosentum ist es allerdings zumeist, was
in dem Salon in den Champs-Elysees uns entgegentritt!
Von der Geschicklichkeit, die Formen des menschlichen
Körpers, die Glätte der Baut, den glänzenden Schimmel'
eines Seidenkleides wiederzugeben, berichten uns hier
die Bilder; von dem Ergriffensein malerisch empfindender
Persönlichkeiten aber wissen sie uns nichts zu sagen.
Talent, Fleiß und Können ist in diesen vierzig Sälen
in reicher Menge aufgespeichert, aber es dient nur dazu,
in glatter konventioneller Sprache unzählige Male schon
Gesagtes zu wiederholen.

Wie nun gar einige der Maler hier es versucht
haben, ihrer etwas blutleer gewordenen Kunst ein wenig
frische Kraft zuzuführen, indem sie einiges von dem zu
schildern sich mühten, das draußen in der Welt der
Geister lebendig geworden ist, das ist vollends bezeichnend
für das Missverständnis, das hier darüber herrscht, mit
welchen Mitteln die Malerei zum Ausdruck von Ideen
werden könne, bezeichnend dafür, welch unüberbrück-
barer Abgrund diese hier von jenen Anderen trennt, die
von dem Bilde vor allem fordern, dass es von einer
künstlerischen Kraft gezeugt, in einer malerisch empfin-
denden Seele empfangen sei, dass nicht der Geist eines

Philosophen, die Phantasie eines Dichters-aus dem Bilde
zu uns spreche, sondern dass es Zeugnis gebe von
einem malerischen Empfinden, dem Farbe und Form
gewisse Seelenstimmungen zu wecken imstande sind,
von malerischer Kraft, die mit Farbe und Form uns
Gesehenes, Erlebtes, in dem Beiche der Phantasie Er-
schautes zu vermitteln vermag. Denn hier liegt in
Wahrheit die Grenze, die die Kunst der Befreiung, diese
sogenannte moderne Kunst, von der Kunst des Verfalles
wie auch von der Kunst der Tradition trennt, hier ist
aber auch die Brücke, die sie mit der Kunst der großen
Alten wieder verbinden wird, wenn sie den Weg voll-
endet, auf dem sie in eigener Arbeit eine eigene kraft-
volle Ausdrucksweise sich erworben. Denn auch die
Werke der größten Maler der Vergangenheit zeugen
zunächst und vor allen Dingen von malerischem Em-
pfinden ihrer Schöpfer. Auch dieser Maler vernehmlichstes
Ziel war das Malerische. Als Maler sahen sie die Welt,
mit malerischem Empfinden nahmen sie die Ideen in sich
auf, die ihre Zeit füllten, und als Maler legten sie sie
in ihren Werken nieder. Nichts anderes ist auch das
Ziel jener Bewegung, die von dem überkommenen Vor-
urteil sich zu befreien strebte, dass die Malerei zum
Ausdruck dichterischer, philosophischer Ideen zu dienen
habe, wie eine Zeit es forderte, die von litterarischem,
von philosophischem Geiste erfüllt war, wie es die Kunst
jener heute noch zum Ausdruck bringt, die immer noch
in den Banden jener Anschauung befangen sind. Auch
heut noch meinen diese ein Bild geschaffen zu haben, wenn
sie eine sogenannte Idee — und oft genug nur ein Idee-
chen — mit malerischem Gewände umkleidet der Menge
vorführen.

Nichts anderes haben Rochegrosse, Pelex u. A. ge-
than, von deren riesigen Leinwanden wir hier in der Aus-
stellung als einzigen Eindruck ein Gefühl des Bedauerns
mit fortnehmen, dass so viel Kraft, soviel Können so
falschem Zwecke geopfert sind. Die Malerei ist in
diesem Spiel mit Ideen zu Schaden gekommen; die Ideen
selbst, oft recht winzig oder gar schief, gelangen nur
unvollkommen zum Ausdruck und meist belehrt uns nur
der Titel des Bildes einigermaßen über die Absichten
des Malers. Was soll z. B. die Leinwand uns vor-
führen, der lloehegrossc — der doch ein starkes Talent ist,
ja sogar, wie sein „Ritter unter Blumen" im Luxem-
bourg beweist, ein malerisches Talent, wenn er nicht
Ideenmaler sein will — den Titel „Angoisse humaine"
gegeben hat: dass die Menschen in verzweifeltem Kampfe
dem Ideal nachstreben, das sie nie erreichen? — Man
kann das vermuten; mit Sicherheit es aus dem Bilde
zu erkennen, dürfte kaum möglich sein. — Wie suchte
der Künstler nun „seinen" Gedanken Form zu geben? —
Über die Häuser einer Stadt, aus denen friedliche
Lichter blilzen, über hohe Schornsteine empor ragt von
einem Kirchhof aus ein steiler Fels gegen den dunkelen
Nachthimmel. an dem, in leuchtende Gewänder gekleidet,
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