Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die Frühjahrsausstellung der Secession in München. II.

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und Seiler's zwei ausgezeichnete Genres. Erfreulich sind
auch einige Alte, die wirklich die alten geblieben sind:
Schleich, der stets nur das malt, was ihm gelallt, nie
über seine Grenzen hinausgeht und in seinen kleinen
Kabinettstücken, deren Motive er meist den malerischen
Straßen oberbayerischer Gebirgsstädtchen entnimmt und
in diesen vielmehr an Spitzweg denken lässt als an jene
Kleinmalerei, die sich in ihrer geistigen Beschränktheit
mit ihren stereotypen „Rauchern" und „alten Schweden"
so — breit macht. Auch Harburger bleibt gleich fein
und gut und sein kleines Bild gehört zu den besten, die
er geschaffen.

Aber darin liegt eine Schwäche der Ausstellung:
sie verrät zu weuig davon, welchen Weg die Kunst
zurückgelegt, welche Probleme sie sich gestellt hat. Ein
Mangel an starken führenden Talenten wird bemerkbar,
der gute Mittelschlag überwiegt; und auch die, die den
gemalten Ulk als feierlichen Ernst auftreten lassen, wie
Thomas Theodor Heine oder Strathmann, dessen schönste
Begabnng hier nutzlos vergeudet wird, machen das nicht
anders.

Am besten ist auch hier die Landschaft vertreten,
während im Porträt wirklich Hervorragendes wenig
da ist. Lenbach hat sich nicht eingestellt — vielleicht
kommt er noch; Fritz Aug. r. Kaulbach's Pettenkofer
ist ausgezeichnet, desto schwächlicher aber daneben seine
Damenporträts, die zwar nicht ganz Kaulbach's ange-
borene Grazie und Noblesse verleugnen, aber doch viel
zu süßlich und kraftlos sind, um auf Bedeutung An-
spruch zu machen. Viel besser ist Fechner's Damen-
porträt, das daneben hängt und trotz des Vortrags,
der den Eindruck des Mühevollen aufkommen lässt.
neben Kaulbaeh frisch wirkt. Wrler steht in seinem
Herrenporträt höher und gereifter da, als in seinen
Phantasiebildern; fein sind zwei kleine Porträts von
Rüger, der zu diesen beiden sein Sensationsstückchen
„Kin Opfer der Rache" besser nicht gesellt hätte.
Schwill giebt ein gutes Porträt des Schauspielers Häußer
in der Holl.- des Rudolf von Habsburg. Thedy, Erdelt, Azbe,
Lübbes seien noch genannt, ebenso von Birth du Frenes
ein älteres, scheinbar unter Leibl'schen Einflüssen ent-
standenes sehr feines Porträt und ein außerordentlich
malerischer Frauenkopf von Schuster -Woldan. Von
Stoeving's beiden Bildnissen ist dasjenige Klinger's male-
risch ganz sieher das bedeutendere. Dasjenige Friedrich
Nietzsehe's ist und bleibt doch eine Rekonstruktion eines
unglücklichen Mannes, wie es auch als Bilderscheinung
durchaus nicht zu den hervorragenderen Leistungen gehört,
sondern nur des Dargestellten halberweitere Beachtungfin-
det. Bei Simm'sPorträt seines Töchterchens mit dem Bicycle
isi der Pneumatikreif genau so hervorgehoben, wie die
Augen; die Folge ist, dass man an eine Monientphoto-
graphie oder noch mehr an das Plakat einer Fahrrad-
fabrifc denkt, als an ein Bildnis, mag das Köpfchen nun
noch so ähnlich sein. Auch das männliche Bildnis von

Vilma Parlaghi ist durchaus keine feine Leistung und
wenn auch nicht gerade schlecht, so doch nur etwas,
was Hunderte ebenso gut und Hunderte besser machen,
was aber nicht entfernt den Ruf rechtfertigt, den man
der Malerin künstlich herstellt. Noch weniger erfreulich
ist das Porträt von Horowitz, das viel mehr einer über-
malten Photographie als einem Kunstwerk gleich sieht
Das ist es aber: das liebe Publikum verlangt solche
Arbeiten und die besten Talente kommen schließlich
darauf, sie auch zu liefern und die Forderungen des
Kunstwerks außer Acht zu lassen. Aber was dann ent-
steht, gehört nicht auf die Kunstausstellung.

Der Gesamteindruek bestätigt das, was man bei
den meisten modernen Ausstellungen empfindet: ein be-
deutendes Überwiegen der Landschaft, in der viel mehr
harmonische Leistungen auftreten, als im Figürlichen.
Von jener und den Sonderausstellungen dann das
nächste Mal. SCHULTZE-NAUMBURG.

DIE FRÜH JAHRS AUSSTELLUNG DER
SECESSION IN MÜNCHEN.

IL

Die Hinzuziehung fremdländischer Künstler war
eine Erweiterung des Programms. Da bei dem ge-
ringeren Umfang der Ausstellung nicht daran gedacht
werden konnte, größere Künstlergruppen einzuladen, so
verlegte man hier den Schwerpunkt auf die Vorführung
einzelner besonders interessanter Persönlichkeiten, was
dafür in breiterem Rahmen als im Sommer geschehen
konnte. Sieht man die Kunst von einem höheren Stand-
punkte als dem kommerziellen an, so ist dieser hier
häufig gestattete Vergleich mit vorzüglichen Leistungen
des Auslandes höchst segensreich gewesen und die Klage
über ein blindes Nachbeten des Fremden völlig belang-
los. Denn einmal nimmt ein echter Künstler docli nur
das auf, was er brauchen kann, — empfahl man doch
auch lange genug stets nur das Studium der Kunst-
schätze Italiens — dann aber wird ein wirklich
kräftiges Talent sich doch immer wieder vom Fremden
befreien, und auf das Zugrundegehen der Schwächlichen
kommt es nicht an.

Ein Anreger der allervornehmsten Art ist für uns
Waller Grane, dessen Kollektivausstellung nach ihrem
Siegeszuge durch ganz Deutschland nun endlich auch
ihren Weg nach München genommen hat. Leider war es
nicht möglich, die ganze Kollektion, wie sie vor einigen
Jahren nach Deutschland kam, vorzuführen, es fehlen
einige Sachen, die man ungern vermisst, — doch ist des
Gebotenen so viel, dass es als eine der reichhaltigsten
Sonderausstellungen bezeichnet werden kann, die hier
je gesehen. Ich brauche hier wohl nicht näher auf Crane
einzugehen, da er in unserer Zeitschrift mehrfach ein-
gehend gewürdigt worden und seine enorme Bedeutung
namentlich für das Kunstgewerbe wohl von jedermann,
den man ernsthaft nimmt, zugegeben worden ist.
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