Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 7.1896

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Die internationale Kunstausstellung in Berlin. III.

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vor einer venezianischen Kirche von Henry Woods.
Wir vermuten, dass die Engländer so klug sind, jeden
Wetteifer im großem Maßstahe mit den italienischen
Malern zu vermeiden, die ihnen zwar nicht an Gewand-
lieit im Gehrauch des photographischen Apparats, aher
an natürlichem Instinkt und an angeborenem Farben-
sinn überlegen sind. In der englischen Malerei hat
von jeher die Erziehung eine größere Rolle gespielt
als dieangeborene Begabung, und darumhat auch der Kunst-
dilettantismus nirgendwo so üppige Wucherblumen ge-
trieben wie in England und Schottland. Von den un-
schädlichen Leuten, die in Venedig, Florenz, Rom,
Neapel und Palermo ihre Veduten tuschen, wollen wir
dabei absehen. Sie gehören nicht zur Kunst. Aber
die Glasgower „Dilettanten", die „Boys", haben einige
Jahre in Deutschland, namentlich in München, viel Un-
heil angerichtet und auch in der Presse Panegyriker ge-
funden, deren litterarisches Ansehen später jämmerlichen
Schiffbruch erlitten hat. Inzwischen haben sich die
„Boys" als geriebene Jungen enthüllt, und jetzt, nach-
dem die Kunsthändler das Geschäft in „Schotten" als
unrentabel aufgegeben haben, malen sie wieder ganz
manierlich in der Art von Corot und Rousseau. Das
Persönliche fehlt ihnen ganz und gar. Man kann zwanzig,
vierzig solcher Bilder ansehen, ohne eine individuelle
Note zu finden, und doch kleben an diesen vierzig Bildern
etwa fünfzehn Namen. So ist auch diese „frühlings-
frische" Kunst, die 1890, bei ihrem ersten Auftauchen in
Deutschland, von den Fanatikern der „neuen Kunst"
als eine „Messiasbotschaft" gepriesen wurde, zu einem
gewissermaßen fabrikartigen Betrieb geworden.

Im Gegensatz zu den Engländern haben ihre in
Paris lebenden nordamerikanischen Vettern eine Ehre
darin gesucht, in Berlin möglichst glänzend vertreten
zu sein. Sie sind sogar so unabhängig von dem Pariser
Terrorismus, daß sie, wie im vorigen Jahre, auch jetzt
wieder Bilder nach Berlin geschickt haben, die zuvor
noch nicht in den beiden rivalisirenden Pariser Salons
ausgestellt waren. Mit Ausnahme des Porträtmalers
Sargent sind sie alle wiedergekommen, alle mit dem
Besten, das sie gerade hatten. Ein Bild einheitlicher
nationaler Kunst geben sie gerade am allerwenigsten,
weil sie in ihrer Heimat keine autochthone Kunst
haben. Sie sind nichts mehr als eine Insel auf dem
Meere des Pariser Kunsttrubels, die in zwei Teile ge-
schieden ist. In dem einen Teile hausen die „Modernen",
die Vorkämpfer für die Revolution, in dem andern haben
die Konservativen, die Hüter der Tradition, ihr fried-
liches Heim aufgeschlagen. In diesem Falle handelt
es sich natürlich um die Tradition der französischen
Ateliers, deren Inhaber sich mit der Aufnahme von
Schülern befassen. Es sind zumeist Lefebvre, Geröme,
Boulanger, Bonnat, Garolus-Duran, daneben auch Roll,
Gervex und Dagnan-Bouveret. Wer diese Maler kennt,
kann sich ein ziemlich richtiges Bild von den Arbeiten ihrer

nordamerikanischen Schüler machen, ohne diese selbst
gesehen zu haben. Nur selten kommt es vor, dass einer ein-
mal seine eigenen Wege geht, wie z. B. William J.
Dannat, der von seinem Lehrer Munkacsy so gut wie
gar nichts angenommen hat. Er malt zumeist spanische
Tänzerinnen, Zigeunerinnen und Damen ähnlicher Art,
zum Teil nach Studien an Ort und Stelle, zum Teil
aher auch nach Stndien, die er in Pariser Konzerthallen
bei elektrischer Beleuchtung gemacht hat. Die ge-
schminkten Gesichter dieser zweifelhaften Schönen sind
meist bis zur Grimasse verzerrt. Sie stehen oder sitzen
vor grell beleuchteten, weißlichen, lichtgrauen oder licht-
grünen Wänden, von denen sie sich wie Leichen ab-
heben, die noch einmal künstlich zu einem trügerischen
Scheinleben erweckt worden sind. Neben Dannat stehen
die Porträtmaler J. Ralshoven und John W. Alexander
auf dem äußersten linken Flügel der Amerikaner. Sie
bilden die treue Gefolgschaft des Pariser Naturalismus
in allen seinen Ausschreitungen.

Ihnen zunächst stehen die Maler der nüchternen
Alltäglichkeit, des trockenen Realismus, die auch die
leiseste Regung der Phantasie ihrer Wahrheitsliebe zum
Opfer bringen: Qari Melchers, Charles Sprague-Pcarcc
und Walter Gay. Sie sind die entschiedensten Fort-
setzer der von Bastien-Lepage begründeten Richtung
der Bauernmalerei, die hei den Franzosen selbst fast

! ganz wieder aus der Mode gekommen ist. Walter Gay
hat auf einem Bilde, das uns einen Blick in das Innere
einer Cigarettenfabrik in Sevilla gewährt, den Versuch
gemacht, in die Prosa der Wirklichkeit durch gewisse
Belenchtungseffekte, durch eine Art von Helldunkelspiel
einen Zug von Poesie hineinzubringen. Das thut in
noch höherem Grade der geistvollste und vielseitigste
Vertreter dieser Richtung, Walter Mac-Ewen, der in meh-
reren kleinen Interieurs mit Figuren in altniederlän-
discher und moderner holländischer Tracht sogar große
koloristische Reize entfaltet, bis zu einem gewissen
Grade auch in dem nur etwas zu kalt und stumpf ge-

j malten, großen und figurenreichen Bilde, das uns einen
Blick in eine Stadtherberge in New York im Jahre 1690
thun las st.

Da wir unter den Lehrern vieler Nordamerikaner
Gerome finden, ist es natürlich, dass sich seine Vorliebe
für die Farbenpracht und das bunte Völkergewimmel
des Orients auch auf seine Schüler überträgt. F. A.
Bridgman, Lord E. Weeks und Jidius L. Stewart, die
drei glänzendsten Erscheinungen unter den Malern aus
den Vereinigten Staaten, malen alle drei Bilder aus dem
Orient. Die beiden erstgenannten sind sogar fast oder
ganz ausschließlich Orientmaler. Der kraftvollste, der
den orientalischen Charaktertypen sozusagen auf den
Grund geht, ist Weeks. Er reist auch am weitesten
in den Orient hinein, über Persien bis nach Indien, und
aus der indischen Stadt Saharanpore ist auch das
Straßenbild entnommen, das eine Reihe von Barbieren
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