Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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„Es ift eine Exiftenzfrage für die ftaatliche
Kunftpflege . . .

Nachwort der Schriftleitung

Der Herr Minifter hat in feiner Rede einige Gedanken ausge-
fprochen, welche haarfcharf an die Poffulate herankommen, die in
diefer Zeitfchrift (o oft (chon aufgeftellt worden find. Daß alle Auf-
wendungen des Staates für bildende Kunft (chwarz überfchattet
werden von der wirtfchaftlichen Not weitefter Kreife, dafj gerade
deshalb die Bafis jeder Kunftpflege entfcheidend verfchoben wor-
den ift, daß keine Ausgabe für repräfenfafive Gelten, gleichgültig
ob in Form großer Ausftellungen oder eindrucksvoller Mufeums-
ankäufe, heute mehr verantwortet werden kann — es ift fehr gut,
daß das einmal von einer fo maßgebenden Stelle in aller Deut-
lichkeit getagt worden ift.

Aber die Rede des Herrn Minifters bedarf einer Ergänzung. Was
heißt das: „ . . . den Sinn aller Schichten unferes Volkes für die
Welt der künftlerifchen Werte zu wecken . . . "? Glaubt denn noch
irgend einer von uns, daß diefes fchöne und ferne Ziel erreicht
werden könne mit der nach den alten Grundfäßen einer völlig
verftaubten Wiffenfchaft vorgenommenen Darbietung alter Kunft,

wie fie in der großen Mehrzahl der Mufeen und ganz befonders
in den neuen Sälen des „Deutfchen Mufeums" in Berlin geübt wird?
Und ift es nicht geradezu tragikomifch, wenn etwa in dem Vor-
lefungsverzeichnis der Univerfität Berlin Vorlefungen über die
„Gefchichte des Wagenbaus im alten Orient", aber kein Wort von
deuffcher Kunft oder gar von den brennenden künftlerifchen Ge-
ftaltungsfragen der Gegenwart angekündigt wird?

Natürlich ift es eine foziale Frage erfter Ordnung, daß „der Sinn
aller Schichten des Volkes für die Welt der künftlerifchen Werte
geweckt" wird. Das aber kann, genau wie beim Theater, nur von
der Gegenwart und ihren Problemen her gefchehen,
das ift nur dann möglich, wenn fich die Mufeen und jeder ftaatliche
oder ftädtifche Ausftellungsbetrieb entfchloffen und ehrlich mit den
Dingen von heute befchäftigen, (o wie Martin Luther dem Mann
aus dem Volke „aufs Maul" fehen mußte, um zu erfahren, in welche
Sprache die Bibel überfeßt werden follte!

Daß zu einer folchen Art von Kunftpflege durchaus keine Paläfte
mit pompöfen Höfen und Säulenhallen nötig find, daß gerade die
moderne Architektur imftande ift, die räumlichen Vorausfeßungen
zu fchaffen, das zeigt der nachfolgende Ausftellungsbau des Ham-
burger Kunftvereins. Gantner

EIN AUSSTELLUNGSHAUS

Das neue Ausftellungsgebäude des Kunftvereins in Hamburg. Architekt Karl Schneider

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Auljenaufnahme • Outside View ■ Vue
exterieure ■ Foto: Scheel

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Der Hauptraum (liehe Abbildg. 7) ■ The
principal hall (see Fig. 7) ■ Le hall prin-
cipal (voir Fig. 7). Foto: Scheel

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