Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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KLEINE FRANKFURTER ZWIEGESPRÄCHE
Das Klappbett der Frankfurter Oper

Am 1. Februar hat im Frankfurter Opernhaus die „Welt-Urauf-
führung" von Schönbergs Einakter „Von heute auf morgen" ftatt-
gefunden. Das an Trivialität kaum mehr zu unterbietende Libretto
von Max Blonda (chreibt gleich zu Beginn die Szenerie fo vor:
„Ein modernes Wohnfchlafzimmer. Die Schränke eingebaut, die
Betten herausziehbar ..."

Aber dann ging der Vorhang auf und enthüllte das Wohnzimmer
diefer Minimalwohnung — mit einem fo (chönen buntfarbigen
Schmolldivan in der ach fo gemütlichen Ecke, dafj auch Breuhaus
das nicht belfer hätte machen können. Und als die Frau das Klapp-
bett herunterlief}, das akkurat fo eingebaut war wie in den Frank-
furter Kleinftwohnungen, da lenkte (ich nicht ein Bett, fondern
eine laulchig bemalte Truhe ä la Wiener Werkltätte hernieder,
welche zu dielem Interieur frei nach „Deutfche Kunft und De-
koration" ausgezeichnet pafjte. Nur für die Stühle hafte es nicht
mehr gereicht. Man entlehnte zwei Stahlrohrfelfel aus dem „Pal-
mengarten",und die nahmen lieh nun in der neuen Umgebung Io
verlaflen und komilch aus, wie etwa ein einfacher Mann unter lauter
Harry Liedtkes. Das Ganze aber nannte man „Bauhaus-Stil".

„Der Fall Baumeilter"

Untere Mitteilung in Heft 12 des letzten Jahres, dal} die „Frank-
furter Künftlerhilfe" zulammen mit der Direktion des Städel'lchen
(lollte heilen Städtifchen) Muleums ein Gemälde von Willi
Baumeilter angekauft habe, hat die „Frankfurter Nachrichten”
in weifjglühende Empörung verletzt und einige költliche Auflätje
über moderne Malerei in jener Zeitung hervorgebracht. Im Ver-
laufe dieler Konfroverle hat lieh Herr Generaldirektor Swarzenski
(o ritterlich für Baumeilter eingefetjt, da(3 wiruns jedes weitere Wort
hier Iparen können. Vielleicht interelliert es aber die „Frankfurter
Nachrichten" (und auch den Kritiker der „Frankfurter Zeitung", der
kurz zuvor mit allen Zeichen des Schreckens Baumeilters Malerei
als einen „klinilchen Fall" ablehnte) zu erfahren, dafj fchon lange
vor Frankfurt die Galerien von Mannheim, Stuttgart
und Ellen Bilder von Baumeilter angekauft haben, und dal}
das nebenan reproduzierte Gemälde foeben in den Befifj der
Nationalgalerie in B e r I i n übergegangen ift. Gtr.

Rechts:WilliBaumeifter, Gemälde. 1929. Angekauft von der National-Gaierie,
Berlin

To fhe right: Painting by Willi Baumeister, 1929. Purchased by the National
gallery, Berlin

A droite: Tableau de M. Willi Baumeister, 1929. Nouvel ächat de la Galerie
nationale, Berlin

WIR LESEN IN DEN ZEITUNGEN
Gottgefällige Altlfadtfanierung!

„Der Pfarrkonvent der Stadt Zürich widmete feine letzte Sitzung dem
„Gäfjchenelend“ der Altltadt. Die lichtarmen und ungefunden
Wohnungen der an engen Gallen und Gäuchen ftehenden Häuler
find Herde der Tuberkulofe und erfchweren in hohem Mafye ein
littenreines Familienleben. Schon manchesmal wurde in den lebten
Jahren auf dieles Elend hingewielen, ohne dah bisher viel zur
Abhilfe gelchehen wäre. Man darf nicht ruhen, bis da gründlich
laniert ilt. Um die öffentliche Aufmerklamkeif wieder einmal darauf
zu richten, wird der Pfarrkonvent nächlfens zu einer Voksver-
I a m m I u n g einladen, an der die Sachlage von verlchiedenen
Seiten beleuchtet werden folI."

Neue Züricher Zeitung
30. Dezember 1929

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