Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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dänen Arkadien mit. Der aufrechte unabhängige Künftler i(t heute
ein ftreng gemiedener, ein Itets bedrohter Auhenfeiter.

Aber die Kunft hat immerhin zwei Preislagen. In der einen rechnet
man mit Zehntaufenden, in der anderen mit Grofchen.

In allem, was aus Marmor oder Bronze ift, bleibt man unter „feinen
Leuten . Aber in der anderen, in der Grofchenpreislage, da wo
mehrere hundert Menfchen und an einem Abend viele taulende
gleichzeitig fehen, da ift es möglich, dafy ein Charlie Chaplin fich
von den,,feinen Leuten” mit einem entfchiedenen Tritt verabfchiedet.
über den Film entfcheidet der Grofchen, entfcheidet trot) aller
Banken und Trufte die Maffe, der Arbeiter, der Prolet. Zwar fchluckt
er noch immer viel zu geduldig Hollywoods Happy-end-Schönheit,
aber ganz kann hier der Prolet nicht aus dem Programm verfchwin-
den. Dafür forgtfchon derRuffenfilm. Der Zille-Film der Prometheus-
Film AG. „Mutter Kraufes Fahrt ins Glück" und fein großer Erfolg
haben jety Fox veranlagt, eine Serie Proletarierfilme herzuftellen,
die hoffentlich kompromifjlos und ehrlich herauskommen. Als erfter
ift unter Otto Nagels Mitarbeit „Cyankali” nach Friedrich Wolf in
Arbeit. Adolf Behne

Nachtrag „Kronprinzenpalais"

Eben zeigt Jufti die Erwerbungen der letzten zwei Jahre, und mit
Vergnügen konftatieren wir für die frühere Epoche manchen guten
Griff, für die Gegenwart einen gewiffen Anfat}. Schlemmer, Bau-
meifter, Moholy find nun vertreten, hoffentlich werden ihre Bilder
dem ausgeftellten Beftande (o einverleibt, dafy fie auch wirken
können. Auch ein Schlichter ift nun in der Galerie — leider längft
nicht der befte, wie denn auch die Schlemmer, Baumeifter, Moholy
nicht die Sicherheit des Urteils zeigen, wie die Corinth, Kokofchka,
Nolde.— Durch den Verein „Freunde der National-Galerie" wurde
Jufti ein Fonds zur Verfügung geffellt, der faft eben fo grofj ift wie
der ftaatliche Ankaufsfonds: (80000 Mark). Die Vereinsmitfel er-
möglichen den Ankauf von a u s I ä n d i (ch e n Künftlern, den für
die ftaatlichen Mittel ein Landtagsbefchlufj verhindert. Mit dem
Fonds des erften Vereinsjahres wurden u. a. erworben ein fehr
guter Picaffo, ein Juan Gris, ein Munch, ein Dufy, ein Feininger
und der Moholy. Adolf Behne

MARGINALIEN

WIR LESEN IN DEN ZEITUNGEN . . .

Das Film = Wochenprogramm einer deutfchen Grofjftadt!

1. „Liebes-Walzer" mit Lilian Harvey, Willy Fritfch u. a. (Ufa)

2. „Das Spiel mit der Liebe" mit Harry Liedtke (Eden)

3. „Herrin der Liebe" mit Greta Garbo u. a. (Gallusbau)

4. „Ehe in Not", „Frühlingsraufchen" (Schwanen)

5. „DieHerrin und ihr Knecht" mit Henny Porten, „DieKonkurrenz
plat)t" mit H. Liedtke (Hanfa)

6. „Caglioftro,Leben und Liebeeinesgrofjen Abenteurers"(Scala)

7. „Zwifchen Frisco und der Mandfchure", „Rafch ein Baby” (Luna)

8. „Dich hab ich geliebt" mit Mady Chriftians (Olympia)

9. „Mädchen in Gefahr", „Mord im Palafthotel", „Pariser Nächte"
(Metropol)

10. „Herrin der Liebe" (Ariadne)

11. „Hai-Tang, Der Weg zur Schande" mit Anna May-Wong (Roxy)

12. „Die lebten Adler" von Bengt Berg (Ufa)

Frankfurter General-Anzeiger 20. 3. 30

Arme ,,Neue Sachlichkeit"!

„DerSpezialhandel verfügtebisherüberkeine Möglichkeit direkter
Einflußnahme neutraler Art auf die Lebenshaltung der Käufer-
kreife. Seine Interelfen bliebendeshalb ungelchütjt
gegen Hörende Erfcheinungen nach Art der

„Neuen Sachlichkeit", der Schleuderkonkurrenz und der
Kaufkraftabforbierung durch koftfpielige Zeitftrömungen, die fich
lediglich aus einer traditionslofen Lebensauffaffung vorüberge-
henden Charakters ergeben. Hier Wandel zu (chaffen, ift möglich
undfoll eine der wichtigften Aufgaben des Detailhandels (ein ...."

Aus einer Anpreifung der Zeitfchrift „Der Neue Lebensftil" in der Zeitung
„Die Porzellan- undGlashandlung, Das Haus-und Küchenmagazin" 25.1.30.

„Die Inneneinrichtung des Schiffes („Europa") ift ein Werk des
Münchner Architekten Prof. Paul Ludwig Trooft, der (ich in Ab-
weichung von der modernen Stilentfaltung auf der „Bremen" in
den einzelnen Räumen in einer Fortentwicklung klaffifcher Stile
im Sinne neuzeitlicher Auffaffung mit Erfolg verfucht hat. Seine
eindrucksvollen Schöpfungen find die grofje Halle unddergrofje
Speifefaal in der Erften Klaffe. Beide kommen augenfcheinlich
dem Prachtbedürfnis des reichen amerikanifchen Reifepublikums
entgegen, erfreulicherweife ohne perfönliche Konzeffio-
nen an das durch Sachlichkeit geläuterte Gefchmacks-
empfinden.”

Frankfurter Zeitung 16. 2. 30 (Sperrungen von der Schriftleitung)

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