Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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85 Meter lang. 100 qm Kopien alt-affyrifcher Baukeramik find für
fie eben in Auftrag gegeben. Das Markttor von Milet wird in
Lebensgröße aufgebaut. Leider ift es fpäter, fchlechter Stil. Die
Säulen von Priere werden hingeftellt (o lange wie lie nur lind
mit viel Gips dazwilchen.

Nichts foll gegen die Objekte getagt werden, deren wiffenfchaft-
licher Wert fehr groß ift. Aber unverkennbar ift hier das Beftreben
(das ja die ganze Anlage beftimmte), durch eine pompöfe Auf-
machung überden künftlerifchen Rang hinwegzutäufchen. Tatfache
ift, daß die Berliner Mufeen als die jüngften des Kontinent — fie
werden ja im Herbft erft 100 Jahre alt -— die Welt der großen
Mufeumsftücke verteilt fanden. Niemand erhebt daraus einen Vor-
wurf. Aber falfch und für die Gefundheit der Volkskultur äußerft
bedenklich erfcheint uns die Methode, Intenfität durch Dimenfion
erfeßen zu wollen. Es ift wirklich ein Jammer, daß auch hier der
Drang nach Preftige herrfchen wird, der alle Maßftäbe verdirbt.
Schließlich ift der Parthenonfries auch keine ganz fchlechte Sache. Es
wird einige Kunftfreunde geben, die ihn der äußerlich dekorativen
Mache der Pergamener fogar vorziehen .. . und wie einfach hängt
diefer Fries in London an der Wand des Britifchen Mufeums.
(Abb. 54.)

Hätten zufällig wir diefe Stücke von Parthenon . . . wir würden
gewiß die ganze Akropolis auf dem Kreuzberg in Gips rekon-
ftruieren.

Die Größe feiner Säle wird dem Mufeum wohl einige Sterne im
Bädecker für die Leute aus USA, die übrigens ausgezeichnete
Mufeen in ihrem Lande haben, bringen. Die künftlerifche Wirkung
aber wird gering fein. Wieder einmal haben wir die Kultur der
Aufmachung, der feinen Schale, der Faffade, der Dimenfion
und das im leßten Mufeumsbau, den Berlin für abfehbare Zeit
erhält. Das Schickfal unterer Kunftwerke ift ganz einfach befiegelt.
Die Zahl der Millionen, die durch eine gefunde und mehr auf den

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Der neue Pergamon-Saal!

The new Pergamon Hall
La nouvelle Salle de Pergamon

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Die Eigin Marbles im British Mufeum in London • The Eigin Marbles in the British
Museum, London ■ Les marbres de Lord Eigin au Musee britannique ä Londres

Inhalt der Mufeen als auf ihre Aufmachung gerichtete Politik hätten
erfparf werden können, ift nicht gering. Sie hätte jedenfalls
gereicht, manche (chwere künftlerifche Lücke des Behändes, z. B.
Grece und Grünewald, zu fchließen.

Denn — und das ift die erfchütterndfte Groteske — in diefer Rie-
fenanlage, die ja nun auch alle deutfche Kunft in unteren Befiß
aufnehmen foll, und als Ganzes den Namen „Deutfehes Mufeum"
führen wird, ift der größte deutfche Künftler, Matthias Grünewald,
überhaupt nicht vertreten.

Wir follten endlich aufhören, Bode zu glorifizieren. Vielleicht
tragen feine Memoiren, die eben im Verlage Hermann Reckendorf
zu erfcheinen begannen, dazu bei, ihn richtiger, kritifcher zu fehen.
Es ift furchtbar, daß der Imperialismus Bodes durch die von ihm
infpirierten Bauten Meffels das Schickfal unferer Kunftfammlungen
für abfehbare Zeit feftgelegt hat.

Nur eines kann unteren Mufeen helfen: die entfehiedene Abkehr
von dem Geilte Bodes. Adolf Behne

NEUES BAUEN IN DER TSCHECHOSLOWAKEI

Jofef Gocar, mit einer Einleitung von Dr. Zdenek Wirth,
1930, Verlag „Meifter der Baukunft" A.-G., Genf (deutfeh u. franz.).
Gocar ift eine repräfentative Erfcheinung unter den tfchechifchen
Architekten. Seine Rolle innerhalb der tfchechifchen Bewe-
gung entfpricht ungefähr jener Erich Mendelfohns in der deut-
fchen. Sehr gewandt, voller Fantafie, anfehmiegfam an neue
Ideen, vom Glück und der Gunft des Publikums begünftigt. Als
Schüler Jan Koteras, des von Wagner herkommenden Beginners
der tfchechifchen Moderne (geft. 1922), begann er mit dem Kampf
gegen alle zwecklofe Dekoration. Große Projekte der Frühzeit
zeigen Einfchuß expreffioniftifchen Geftaltungswillens. Die formale
Welle (vor dem Krieg) ließ ihn Verfuche einer „kubiftifchen Archi-
tektur" aufgreifen, die Prinzipien der Malerei und Plaftik auf die

Architektur anzuwenden unternahm. Der Gegenfchlag war „na-
tionale Ornamentik". Auch hier brachte Gocar reizvolle Löfungen.
Seif 1924 folgt er konfequent der von Holland, Deutfchland, Frank-
reich diktierten Linie knappfter, zweckerfüllender Form, der auch
das fchwierige Problem modernen Kirchenbaus unterworfen wird.
Die fehr gewandte Organifation Gocars bekundet fich am frucht-
barffen im Städtebau: ein großzügiger Bürgermeifler in Königgräß
gab ihm Gelegenheit, moderne Anfchauungen auf diefem Gebiete
über dem Glacis einer alten Stadt aufs fchönfte zu verwirklichen.
Der vorliegende Band zeigt die ganze Entwicklung Gocars in gu-
ten Darftellungen auf. Ein kluges Vorwort von Dr. Zdenek Wirth
fügt (ein Schaffen der Gefamtbewegung der tfchechifchen Archi-
tektur (innvoll ein.

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