Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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BEMERKUNGEN

Der Tag für Denkmalpflege und Heimaffchufz
in Köln

Erfolge und Mißerfolge

Der Kongreß, der fich hauptfächlich mit dem Kölner Dom befaßte,
nahm ohne hörbaren Widerlpruch folgende Vorfchläge entgegen:

1. ABMONTIERUNG DES 250000 KILOGRAMM WIEGENDEN
70 JÄHRIGEN DACHREITERSAUS GUSSEISERNER FALSCH-
GOTIK. Diefer Reiter, der, obwohl er den echtgotilchen Dom-
chor feit langem bedrohte und für die Feftigung der ihn tra-
genden Vierung ungeheuere Summen erforderlich machte, der,
obwohl er, wie der Konfervator der Kunftdenkmale Preußens
Hiecke auf der Tagung noch nachträglich feftftellte, ein Makel für
das Bauwerk i(t, galt bisher für fakrofankt.

2. ABBRUCH DES BAHNHOFSTURMS, DES BAHNHOFSVOR-
BAUES UND DER EISERNEN ZIERATE AN DERBAHNHOFS-
HALLE. Dies bedeutet das Eingeftändnis, daß die Eifenkonftruk-
tion des Bahnhofs — ein reines Ingenieurwerk der neunziger
Jahre — die einzige architektonifch befriedigende Leiffung ift.

3. ABBRUCH DER GANZEN MASSE VON RITTERBURGEN
AUF DEN PFEILERN DER GROSSEN EISENBAHNBRÜCKE. Das
grimme Gemäuer ift eine erft zwanzig Lenze zählende Schöpfung
des Erbauers der Kaifer-Wilhelms-Gedächtniskirche in Berlin W.
Eingeftändnis (wenn auch um zwanzig Jahre verfpätet): daß der be-
rühmte Architekt der Verhäßlicher, der anonyme Brückeningenieur
der Veredler des Stadtraumes ift.*)

Aufs neue ftabilifiert dagegen, wiewohl ad absurdum geführt
durch Sprecher wie Brinckmann-Köln, Wichert-Frankfurt, wurden
die fenilen Methoden der Dombaumeifter, die durch die Wieder-
herftellungen des Unwiederherftellbaren unteren Schaß an mittel-
alterlicher Dombauhüttenkunft mit dem Gelde des Volkes feit
Generationen bereits fyftematifch verderben. Wenn man zu red-
licher und fleißiger Flick- und Stüßungsarbeit rät und bittet, fich
hierauf um aller Heiligen willen zu befchränken, damit die alte,
wie alles Irdifche dem Gefeß der Zerfeßung unterliegende Stein-
meßkunft unfer Auge unkarikiert fo lange wie möglich erfreue, fo
fpricht man uns von frivolem In-Schönheit-fterben-laffen-wollen,
man felbft aber entblödet fich nicht, ganze, im Kern noch gefunde
Strebe-Syfteme abzutragen und fie durch eigene „Gotik" aus dem
eigenen fterilen Schönheitsfalon zu „erfeßen". Da [ich die Kölner
Dombauhütte zu einer deutfchen Akademie für neue gotifche Alt—
kunft entwickeln möchte, fo fchlage ich zu ihrem Direktor eine aller-
erfte Kraft, den Maestro Dossena, vor.

’) Es 9eht alf° hier um lauter Forderungen, die von mir leit vielen Jahren in
den Dülfeldorfer Nachrichten und anderen Zeitungen und Zeitfchriften unent-
wegt erhoben worden (ind.

Zur Frage der UMGESTALTUNG DES DOMBEZIRKS legte Bo naß
die Umarbeitung eines einige Jahre älteren Projekts von Schu-
macher vor. Es handelt [ich hauptfächlich darum, die Gegend
zwilchen Domchor und Diözefanmufeumsblock zu einer dem Fuß-
gänger vorbehaltenen Plaßterraffe umzubilden, um wenigftens an
diefer Seite etwas mehr Frieden zu fchaffen. Bonaß gelingt dies
auch, ohne daß er damit allerdings eine greifbare Löfung des
Verkehrsproblems verbände. Im übrigen verhindert ihn feine Vor-
liebe für monumentale Bild Wirkung, die Forderung nach Befriedung
des Domes fo zu erfüllen, wie dies einem für ftupende Vorder-
grundreize weniger Empfänglichen ohne weiteres hätte gelingen
müffen. Erffe Anregung für eine Gefamtlöfung (alfo eine Löfung
für alle Seiten des Doms), im lntereffe des Geh- und Autoverkehrs
fowohl wie des Kultbaues felbft, habe ich vor einem Jahr in der
Preffe gegeben.

Auch eine teilweife Umgeftaltung der Rheinfront, die Bonaß nach
dem Dom zu durch eigene Architekturen ergänzen möchte, be-
fchäftigte den Stuttgarter Architekten. In diefer Zeitfchrift kennt
jeder den Architekten Bonaß, jeder weiß von feinen jüngften Kölner
Bauten, dem Goldfchmidt-Haus beim Dom und dem Richmodis-
Haus bei der Apoftelnkirche. So weiß denn auch jeder Leier, wie
allein eine Regulierung der Kölner „Rheinfront" durch Bonaß fich
darftellen kann.

Eine künftliche Rheinuferbeleuchtung bildete den abendlichen
Auftakt zu den ftädtebaulichen Beratungen diefes Tages für Denk-
malpflege und Heimatfchuß. Um fo erftaunlicher und dankens-
werter war es, daß der Kölner Oberbürgermeifter Adenauer und
Baudirektor Arnß-Köln ganz fchlicht die Probleme der zweiten und
dritten Dimenlion, d. h. der Stadtplangeftaltung, der Verkehrs-
führung, der Dekonzentrierung, der Dimenfionierung von Baukör-
pern, Baukörpergruppen und Freiräumen unfer dem Gefichtspunkt
urbaner Lebenskulfur aufrollten und dadurch die Kunft des Sil-
houttenfchneidens, der „Ecklöfungen" und der Verzuckerung von
Wanzen- und Tuberkuloferefervoiren etwas in Mißkredit brachten.

Jatho.

Serienkunft

Im Katalog der großen Kunftausftellung Hannover waren Gemälde
von Carl Buchheifter vermerkt. Man las: Originalpreife 400 bis
500 Mark, Reproduktionspreife 100 bis 130 Mark. Es waren
nicht etwa Farbendrucke gemeint in der Art wie Piper oderHanf-
ftaengl fie herftellen. Auch keine Abzüge im Sinne irgendwelcher
graphifcher Verfahren. Nein, der Maler erbot (ich, (eine ausge-
(tellten Bilder auf Wunfch in vollkommen originalgleichen Wieder-
holungen felbft zu kopieren. Die Kopien follfen ungefähr ein
Viertel bis ein Drittel der Originalarbeiten koften.

Carl Buchheifter ift nicht der einzige Künftler, der feine Werke

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