Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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GESTALTUNG AUS DEM MATERIAL Von Oskar Schlemmer, Breslau

Das Material des Tänzers ift fein Körper, und er ift, wie alle mimifchen
Künftler, in der glücklichen Lage, diefes fein Material ftets bei fich zu führen,
es in fich zu tragen. Er ift um fo mehr Tänzer, je weniger er aufjer ihm liegen-
der Dinge bedarf, wie Koftüm, Requifit, Szene. Denn die ftärkften Wirkungen
des reinen Tanzes gehen von der Unmittelbarkeit des Körpers aus, vom be-
herrfchten und vom entfeffelten Körper und vom vollendeten. Diefen zu
offenbaren, wird immer zu den großen, feltenen Erfcheinungen gehören.
Jedoch: auch der befte Tänzer ift lahmgelegt, wenn er fich z. B. im Volks-
gedränge befindet, da ihm ja eben jenes andere „Material" mangelt, an das
fein Tanz gebunden ift, ja, das diefen erft entbindet, nämlich den Raum.
Denn diefer und feine Ausdehnungen bedingen Form und Geftalt des Tan-
zes. Dem beften Tänzer wird vielleicht weniger als ein Quadratmeter Boden-
fläche genügen, um fich darzuftellen. Wenn er aber fchreitet und fpringt, fo
find, wenn von der Unendlichkeit des Raumes im Freien abgefehen wird,
diefe Aktionen an beftimmte Raum-Ma^e gebunden entfprechend den

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OSKAR SCHLEMMER, BRESLAU. „Masken". Bau
haus-Bühne ■ „Masks" (Stage of the "Bauhaus")
„Masques" (Scene du Bauhaus).
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