Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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Reaktivierung der Malerei!

Die Galerie Möller in Berlin hat den interelfanten Verfuch ge-
macht, über den Ernft Källai hier berichtet, und Curt Glafer wird
nach Neujahr in der Staatlichen Kunftbibliothek in Berlin einen
Zyklus von Vorträgen zur Situation der Malerei veranftalten, in
deffen Verlauf Glafer felbft, Grohmann, Roh u. a. fprechen werden.
Der Unterton aller diefer Veranlagungen lautet etwa fo: Man hat
nun lange genug von der Architektur und ihren Nöten gefpro-
chen; wie fteht es aber um die Malerei?

Wir find allerdings der Meinung, dafj die Architektur noch lange
nicht alle Klippen überwunden hat, und der Kongreß für neues
Bauen, der Ende diefes Monats in Brüffel zufammentritt, wird noch
eine Menge wichtigfter Probleme zu behandeln haben, die jeden
kulturell intereffierten Menfchen ganz nahe angehen. Aber es ift
fehr gut, daf) die Frage nach dem Schickfal der Malerei wieder in
den Vordergrund tritt. Wir würden fie anders beantworten als
Källai. Die Gegenüberftellung von Expreffionismus und Konftruk-
tivismus allein fcheint uns den Kern der Sache nicht zu berühren,
und Bilder wie die hier wiedergegebenen von Engelien und
Nerlinger bleiben für unfer Gefühl außerhalb des Bezirkes, auf
den es ankommt. Denn fo wie die Architektur erft durch den Ein-
bruch fozialer Ideen von allen äfthetifierenden Beigaben geläu-
tert wurde, fo hat die Malerei das Stahlbad der Abftraktion nötig
gehabt, um alle blofy fchönheitlichen Züge zu vernichten und von
allen Atavismen frei zu werden. Bilder, die das vermiffen laffen,
können wunderfchön fein, werden uns aber nie mehr ganz ans
Herz rühren. Gantner.

16 LOUIS MARCOUSSIS, PARIS. Dame auf Balkon
Women on balcon ■ Femme au balcon ■ Aus dem
Katalog der Ausltellung „Kunlt der lebten 30 Jahre"
der Kunfthalle Hamburg ■ From the catalogue of the
exposition "The art in the last 30 years" in the Ham-
burg Kunsthalle ■ Du catalogue de l'exposition «L’Art
des derniers 30 ans» ä la Kunsthalle de Hambourg

Äufjerfte Gegenfätje berühren fich. Man (teile einem Expreffio-
niften wie Fritj Werner einen Konltruktiviften wie Nerlinger gegen-
über. Es wird offenbar, daf} fieffte kreatürliche Verfenkung und
kühnfte technoide Utopie der Kunft, dafj Vifion und Baugeftalt
vom gleichen Herzfchlag belebt fein müffen, wenn fie zum reinen
Ausdruck ihrer felbft wachten wollen: vom Rhythmus. Rhythmus
in Bildern ift der Generalnenner der ganzen Front vifionärer
und konftruktiver Kunft bei Möller. Die turbulenten aktiviftifchen
Vorfföfye der Kunft in den Jahren der Kataftrophenftimmung find
von dicht-gelammelten und rhythmifch-gefchloffenen Erfcheinun-
gen abgelöft worden, ohne bei diefer Regelung auch nur einen
Bruchteil ihrer elementaren Kraft einzubühen. Sie find weiter denn
je von allen Formulierungen des phililtrolen Vergleiches, zu 50 /0 Kajjen (Aquarell) Cats (water
genannt Materialismus-Idealismus, entfernt. Ernft Källai colour) ■ Chats (aquarelle) • 1929

18 OSKAR NERLINGER, BERLIN.
Der Werktag ■ The Working Day ■
Le jour ouvrable

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