Das neue Frankfurt: internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung — 4.1930

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fozialen Theaters Erfolg haben wird, fo tue ich es im Gedanken
an die große Zahl junger lebendiger Menfchen überall, die diele
Zeilen lefen werden, und deren Bemühung um eine neue, den
ökonomilchen Verhältniffen entfprechende Lebensform wir mit
Leidenfchaft beobachten, teilen und unterftüßen.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr J. Gantner

Die Situation des deufchen Tanzes

Man hatte im Sommer einige bedeutende tänzerifche Ereigniffe
erwartet. München hatte fich der Tänzer angenommen und zum
dritten Tänzerkongreß eingeladen. Gleichzeitig wollte es mit einer
neugegründeten „Chorifchen Bühne" zeigen, wie eine Erneu-
erung des deutfchen Theaters zu bewerkltelligen lei. Der gute
Wille muh anerkannt werden. Schließlich follte jeder Verfuch, aus
der künftlerifchen und organifatorilchen Unzulänglichkeit unterer
Repertoiretheater herauszukommen, begrüßt werden. Das Beitpiel
München hat allerdings gelehrt, daß dilettantifche Begeiferung
noch größeren Schaden anrichten kann als Ignoranz.

Der Tänzerkongreß, miferabe! organifiert und ohne geiftige Kon-
zentration geleitet, hat dem deutfchen Tanz keinen Fortfehritt ge-
bracht. Der von allen gewüntchte Zutammentchluß und die Über-
brückung perfönlicher kleiner Eitelkeiten war das geringtte Ergebnis,
das der Kongreß hätte bringen müften. Die Unficherheit und Un-
geklärtheif der tänzerifchen Probleme hat fchon fchwere wirtfehaft-
liche Folgen gezeitigt und die Zukunft des neuen Tanzes überhaupt
in Frage geftellt. Troßdem kam es zu nichts, da die Kongreßleitung
keinen Kontakt mit den lebenswichtigen Fragen der Tänzerfchaft
gewann. Die angefchlolfenen Feftfpiele mit unzähligen Aufführun-
gen unzähliger Tanzgruppen vervollttändigten das trübe Bild und
lalfen wenig Hoffnung für die kommende Saifon.

Gegen das „Totenmal" von Albert Talhoff kann nicht genügend
heftig proteftiert werden. Gerade jeßt, wo wir uns bemühen mütfen,
aus dem Schlendrian unterer Repertoiretheater zu einer neuen
organifatorifchen Form des Theaters zu kommen, wird jeder Ver
tuch außerhalb unterer Stadttheater betonders kritifch betrachtet.
Wenn wir ein Theater fordern, das mit unterem Lebensbild orga-
nitch verwachten itt, müften wir uns ebento gegen den mißbräuch-
lichen Anfpruch der „Kulturbewahrung" bei den meiften unterer
Stadttheater wehren, wie gegen die Anmaßung tchwärmerifcher
Dilettanten, die mit der Phrafeologie des Expreffionismus eine
Gemeinde fitchen. Im Falle Talhoff itt es betonders peinlich, weil
mit ungeheuren Geldmitteln das Antehen des deutfchen Kunft-
willens im Ausland und auch im Inland diskreditiert wurde. Und
allen Mifwirkenden, künftlerifchen und geldgebenden, fei die
Verantwortung vorgehalten, die tie auf fich genommen haben,
als tie künftleritches und materielles Volksgut verfpielten.

Die pofitive Tanzarbeit vollzieht lieh nun doch wieder am Theater.
In Berlin hatte Laban, der als Staatsopernballettmeifter mit den

Poloweßer Tänzern, dietem Bravourftück der Ruffen, debütierte,
einen ganz großen Erfolg. In Effen itt Kurt Jooß unbeirrbar in
feiner Arbeit, in Wien beginnt das Experiment mit Bronitlawa
Nijnfka verheißungsvoll. Das find zur Zeit die drei wichtigtten
Punkte, an denen eine Entwicklung im Gange itt oder einteßt,
die untere Beachtung verdient.

Wir mütten beim Überblicken der Situation noch des großen
Verluttes gedenken, den uns der Tod Heinrich Kröllers bedeutet.
Kröller war der leßte deuttche Ballettmeifter, der Itreng im klat-
fifchen Ballett fundiert war, lieh aber um eine Neuorientierung
bemühte. Daß tie ihm nur teilweife glückte, war weniger feine
Schuld, als die feiner Mitarbeiter. Seine choreographifche Phan-
tafie war von einer unerfchöpflichen Reichhaltigkeit und brillierte
in immer neuen Einfällen. In den leßten Jahren führte er auch
Opernregie, wozu ihn feine tiefgehende Mufikalität in hohem
Maße befähigte. Er war noch voller Pläne und hatte für die nächfte
Zeit Bedeutendes vor. Der Tod erreichte ihn, bevor er noch (ein
Lebenswerk auf den Höhepunkt gebracht hatte. Bei der Seltenheit
ihm ähnlicher Erfcheinungen müffen wir feinen Verluft um fo mehr
betrauern. Schlee

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EDMUND KESTING, BERLIN • Mauerbild • Wall picture • Tableau mural

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