Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 20.1929-1930

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Von A bis Z
Walter Krug
Da rede ich nun deutsch, und Sie ver-
stehen kein Wort!“
„Das schon, aber ich habe eben von Ihren
Begriffen andere Be riffe!“
„Dann haben Sie eben die Begriffe nicht
begriffen!“
„Ich arbeite sehr gern, aber Ihre Begriffs-
welt zu verarbeiten-- “
„Sie arbeiten gern, und das erzählen Sie
mir? — „Arbeit“ — ist nämlich das,
was ungern verrichtet, ungenügend ent-
lohnt, und sofort anderen überlassen wird,
wenn man an ihrer Stelle „B e s c h ä f t i -
gung“ erhält, weil letztere Vergnügen,
Sport, evtl. Idioteric, niemals aber „Ar-
beit“ ist!“ — „Nette Ansicht das, aber das
Christentum hat denn doch eine andere
Auffassung dieses Begriffes!“ —
„Christentum“!? -— Das ist leider
nur die geschäftliche Ausbeutung der
Lehre, und Kult der Person Christi! — Er
selber aber war der einzige wirkliche
„Mensch“, der je gelebt hat!“ —
„Ein Schlag ins Antlitz der Menschheit,
und das im Zeitalter der Menschlichkeit,
der Demokratie!“ — „D e m o k r a t i e! ?
Sie ist nur der ewige Versuch, synthe-
tisch Volkswillen darzustellen. Leider
langt’s immer nur bis zur Analyse, in der
freilich Deutschland in der Welt voran ist!“
— „Ehe Sie weiter sprechen“-
„Ich muß aber weiter sprechen, denn wenn
Sie auch den Begriff „Ehe“ richtig an-
wenden, so ist das nur ein Zufall!“ „E h c“
ist nämlich die Vereinigung der Geschlech-
ter zu einem Ganzen, ehe sic erkannt

haben, daß sie eigentlich keine Hälften
sind!“-Soll dieser „Ehebegriff“ viel¬
leicht der Freiheit eine Gasse brechen?“
„Freiheit!?“— Eine Tarnkappe, die
jeden ihrer Besitzer unsichtbar macht!“ —
Abermals würde ich um ein Ideal ärmer
sein, wenn ich mir Ihre Gesinnung zu eigen
machte!“ — „G e s i n n u n g! ?“ Ist wei-
ter nichts, als der freiwillige Verzicht auf
den Gebrauch der Sinne!“ — „Handeln Sic
denn nun auch selber diesem Sinn ge-
mäß ?“-„Handel!?“ — das ist das
Pendel, („Wandel“ genannt), zwischen
Produzent und Konsument!“ Jenen
nötigt’s billig abzugeben., diesen, teuer zu
erwerben!“ —
„Mein Lieber, das nenne ich „Intellekt“
auf Irrwegen!“-
„I n t e 11 e k t“ ist nur der Reflektor einer
Lichtquelle, kann’s aber evtl, von der
Glühbirne bis zum Scheinschmeißer brin-
gen!“ — „Eine Begriffskonstruktion, aber
eine sehr künstliche!“ —
„Künstlich, — „K u n s t“ ist stets ein Gan-
zes, von dem uns Menschen nur Hälften
zugänglich sind. Dem Schöpfer des Kunst-
werks die eine, seiner Umwelt die andere
Hälfte!“ — Das Ganze genießt Gott allein,
— und —- selbstverständlich, die Kritiker!“
„Ein wahres Leid ist es, Sie mit so fest
gefügten Begriffen umherwerfen zu
sehen!“ — „Ein „Leid“ ist ein geringer
Grad von Freude, wie Kälte ein geringer
Grad von Wärme ist!“ Leid kann mehr
als Freude ertragen werden, wie man sich
ja auch gegen Kälte besser schützen kann
als gegen Wärme. Wärme wie Freude
werden stets angenehm empfunden, sind
aber ohne kühlendes Leid eine ständige
Sonnenstichgefahr!“ — „Sie also würden
sich demnach selbst zum schönsten Liebes-
rausch noch Leid wünschen?“ — „L i e -
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