Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 20.1929-1930

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Augenblicksbild
Stephan Roll
Die moderne rumänische Literatur und Malerei
wird durch die Gruppe „Unu“ repräsentiert,
mit einer Verlagsanstalt und einer Monats-
schrift, die als Exponent der modernen Dicht-
kunst und Malerei seit drei Jahren erscheint.
Die Geschichte des rumänischen Modernismus
hat seine heftigen Kampfphasen von empiri-
schen Erscheinungen und von lebendiger
Schaffung einer Kraft, der es gelang, eine
heilsame Befreiung der Kunst von den ver-
alteten Anschauungen herbeizuführen. Die
erste Barrikade, die erste Granatenwiege, war
die Zeitschrift „75 H P" von Jlarie Voronca,
Victor Brauner und Stephan Roll; erschien
im Jahre 1924 nach der konstruktivistischen
Ausstellung des Malers M. H. Maxy, der in
Deutschland beim „Sturm“ ausstellte. Vor
„75 H P“ erschien „Contimporanul" („Der
Zeitgenosse“) von Vinea und Marcel Jancu,
vollkommen expressionistisch in der Plastik
und symbolistisch in der Literatur; nachher
verwandelte es sich durch Konstruktivismus,
Kubismus in Plastik und veraltete voll-
ständig, indem es ablehnte sich zu assimi-
lieren und die neuen Kräfte, die mittlerweile
kamen und Wahrheit und Wiederbewegung
brachten, anzuerkennen. Es folgt nun die
abstrakte Ausstellung des Malers Victor
Brauner mit einer Serie von Mal-Dichtungen
in gemeinsamer Arbeit mit Jlarie Voronca
und die Zeitschrift „Punkt“, die mit Voronca,
Brauner und Roll in 15 Nummern kämpft
und die neue Richtung bekannt macht. Ihr
folgt „Integral" mit Calugaru, Brunea, Maxy,
Fondane, die mit der Gruppe Punkt
gemeinsam arbeiten. „Integral“ ist eine
theoretische Zeitschrift, die zwei Jahre er-

schien. Nach ihrer Einstellung gründeten
die Übriggebliebenen mit Sascha Pana die
Zeitschrift von heute: „Unu“. Ihr gesell-
ten sich zu: Geo Bogza, der bis jetzt die
Zeitschrift „Urmuz“ herausgibt, weiter Raul
Julian, Dimitriu Pausesti, Virgil Gheorghiu
und Zaremba mit ihrer Zeitschrift „XX“, die
einen Hort der intransigenten Kunst bildet,
wovon sie keine Konzession, kein Kompromiß
fortbewegen kann. Dichtung für die Dichtung
an sich! Die Dichtung als eine Basis, als
ein Endziel genommen, als eine Bestimmung,
als Flut und Ebbe. Von hier beginnend,
konnten wir mit ihnen gemeinsam die zeit-
genössische Evolution der Kunst in Rumänien
bilden. — Urmuz*) (gest. 1920) muß als
der authentische Vorgänger des rumänischen
Modernismus angesehen werden. Sein
Wort war revolutionär und wies eindeutig
den neuen Weg. Ein Vorläufer wie Jarry
in Frankreich. Seine wenigen Novellen
sind noch heute nicht einmal bekannt
und bleiben isoliert, unzugänglich. Voronca
hingegen ist ein lyrischer Dichter von
einer ausgedehnten Proportion. Ein un-
versöhnlicher Blitz durchdringt seine Pu-
pillen in fortwährender Ausdehnung und
alle Glieder in ihm tönen innerlich wie
Fanfaren. — Stephan Roll ist der Dichter
der Beharrlichkeit, ein Exponent der Ju-
gend. Nach seinen „Poeme in aer über“
(Dichtungen in freier Luft), in denen ein
sportmäßiger Wetteifer und ein hartnäk-
kiger Elan der Dichtung vorherrscht und
nach einer langen Serie von Essays über
die Dichtkunst, schrieb er seinen zweiten
Band „Moartea vii a Eleonorii". „Es ist
eine Loslösung von den Gespenstern, von
den Erinnerungen, von jedweder Wirklich-
*) Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen
Zeitschrift.

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