Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 20.1929-1930

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Die junge bulgarische Kunst

Iwan Tuteff

In allen Perioden des Kulturlebens der
Menschheit ist das große Problem der Kunst
oft mit der schöpferischen Rolle des Indi-
viduums verbunden worden. Aber — —
was ist Kunst und was ist schaffender
Künstler? ... Eine Frage, auf welche eine
dogmatische Antwort unmöglich ist Richtig
aber ist der Gedanke Wilde’s, daß „das
Wahre für das Leben auch wahr ist für die
Kunst“, d. h. jene Kunst ist wahr, welche
den sozialpsychologischen Notwendigkeiten
der Zeit entspricht — Superkoordination
des Massenwillens zur Schaffung neuer
Formen.
Wir werden nicht auf die literarischen Schulen
und auf die Kunstströmungen eingehen, die
so oder anders auch die bulgarische Kunst
durchlaufen hat. Die Rolle, welche sie
spielten, war für die Entwicklung der
bulgarischen Kunst und Geisteskultur keines-
falls erfreulich, und wenn man auch ihren
Wert für die Formung und Bildung der
bulgarischen Kunstsprache anerkennt, so
muß man doch sagen, daß sie nicht fähig
waren, eine künstlerische Tradition mit
eigenen Prinzipien und Idealen, mit eigenem
ethischen Inhalt zu schaffen.
Der Realismus, entstanden als Gegengewicht
gegen den mythischentranscendentalenRausch
und die pessimistisch-dekadente Unaktivität
des Romantizismus, wurde in West-Europa
Synthese der sich neu formierenden bürger-
lichen Gesellschaft und ihrer sozialen Ten-
denzen. Seine Wirksamkeit in Bulgarien
beschränkte sich nur auf den Versuch, einen

nationalen Stil zu schaffen. Dieser Versuch
blieb — fruchtlos, da der bulgarische
Realismus als künstlerische Konzeption nicht
die richtige Basis finden konnte. In ver-
hältnismäßig kurzer Zeit wurde er durch
den Symbolismus verdrängt, entstanden an-
geblich als Reaktion gegen die übermäßige
Materialisierung des schöpferichen Bewußt-
seins. Der Symbolismus, als Träger eines
synthetischen Individualismus, dabei noch
aus dem Auslande stammend, blieb dem
bulgarischen Wesen ziemlich fremd.
Der Nationalcharakter und die Psychologie
des Bulgaren zeichnet sich durch ein ~k
entwickeltes, kollektivistisches und recht-
liches Gefühl aus. Der Symbolismus unter-
grub und unterwühlte diesen Geist, lenkte
ihn von den Bahnen des Gesunden und
Lebensfähigen ab, warf ihn in das Chaos
eines sinnlosen Mystizismus, demoralisierte
vollkommen einen großen Teil der Jugend
und diese seine traurige Rolle dauert fast
bis zum heutigen Tage fort. Das ist der
Weg der bulgarischen Literatur, der zum
jetzigen ideellen und formativen Chaos
geführt hat.
Das Gesunde und Lebensfähige wurde aber
doch nicht ganz abgetötet. Aus der Asche
der verwüsteten bulgarischen Seele entstand
der Phönix eines neuen schöpferischen
Dranges. — Der erste Versuch der bulgari-
schen Kunst und Literatur, eine neue Linie
der Entwicklung vorzuzeichnen, wurde von
Geo Mileff unternommen, mit dem Beginn
des dritten Jahrganges der Zeitschrift

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