Der Sturm: Monatsschrift für Kultur und die Künste — 20.1929-1930

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Strafvollzug in der UdSSR
Herwarth Walden

Da Gesetze dauernd verfaßt und aufgehoben
werden, ist es ein Irrtum, aus der Nichtbefol-
gung von Gesetzen eine besondere Menschen-
abart zu konstruieren. Selbst in den bestehen-
den Gesetzbüchern werden zum Teil die
Motive der Verbrechen gewertet. Der Sinn
der Hinzuziehung von Laien als Richter besteht
gerade darin, daß das Verbrechen nicht nur nach
den Tatsachen, sondern nach den menschlichen
Gründen beurteilt werden soll. Die meisten
Verbrechen werden aus Not begangen. Not
gilt selten als Milderungsgrund. Man könnte
fast glauben, daß man im Interesse der Be-
schäftigung des Justizapparates diese Not-
verbrecher systematisch produziert. Oder man
muß diesem System absolute Gehirnlosigkeit
vorwerfen. Solange nicht jeder Verdienstlose
auf Verlangen wenigstens bezahlte Arbeit er-
halten kann, ist Arbeitslosigkeit kein Verbrechen.
Da aber der Verdienstlose auf Grund der aller-
dings ungesetzlichen Naturtriebe existieren will,
greift er zur Selbsthilfe und wendet Gewalt an,
wenn man ihm diese Art des Existenzkampfes
zu unterbinden versucht. Man bestraft nun
diese Notverbrecher mit Freiheitsberaubung,
sogar mit lebenslänglicher, gibt ihnen endlich
dürftiges Essen und dürftige Wohnung, nimmt
ihnen dafür den bescheidensten Rest mensch-
licher Freuden und' menschlicher Beschäftigung
und läßt sie zur Erheiterung des Gemüts Tüten
kleben und Matten flechten. Nach der zu-
diktierten Anzahl von Jahren Strafe werden die
Verbrecher wieder entlassen und gebeten, ein
neues Leben anzufangen. Jetzt heißt es also
Unternehmer finden, die gegen Bezahlung
Tüten kleben oder Matten flechten lassen.
Diese Unternehmer beziehen ihre Waren aber
bereits aus den Gefängnissen. Was bleibt dem
sogenannten Verbrecher also übrig, als seine
alte Art Existenzkampf wieder fortzusetzen.

Er wird „Gewohnheitsverbrecher“, was straf-
erschwerend ist. Nun wird die neue Zeit ver-
kündet — etwas spät — der Mensch soll zwar
bestraft, aber gleichzeitig erzogen werden.
Und das zunächst nicht gleich in Deutschland,
erst einmal in Preußen. Und weil Erziehung
eine schwere Sache ist, wird man zunächst
damit in Berlin, vielmehr versuchsweise in
einem Bezirk von Berlin beginnen. Wie man
im Mittelalter ein Foltersystem ausdachte, das
noch jetzt von den Balkanländern mit Fleiß
angewandt wird, hat die Neuzeit ein Erziehungs-
system ausgedacht. Nach einem geometrischen
und trigonometrischen Studium neben der
selbstverständlichen Beherrschung sämtlicher
menschlichen Wissenschaften, werden die Ge-
fängniswärter mit gütiger Unterstützung eines
Geistlichen, eines Lehrers und eines nunmehr
bewilligten Arztes schon gediegene Musterkinder
aus den Verbrechern machen. Die erzogenen
Entlassenen kommen ganz anders in die Frei-
heit. Zwar ohne Geld und ohne Kenntnisse,
aber sittlich gestärkt durch das Vertrauen der
Strafvollzugsbehörde. Vielleicht sogar mit den
Anfangsgründen einer ziemlich verkommenen
Moral. Vor lauter Problemen sieht man die
einfache Lösung nicht. Zwar steht die Sowjet-
Union nicht auf der grandiosen geistigen Höhe
europäischer Komplikationen. Man löst dort
Probleme einfältiger und einfacher, indem man
sie allerdings etwas richtiger stellt. Geurteilt
wird nur von Laien. Auch der ständige Richter
jedes Volksgerichts hat keine Jura studiert, er
besitzt nur die Kenntnis der Gesetzbücher. Die
Gesetzbücher sind nur Anregungen und Vor-
schläge, die Art und Dauer der Verurteilung
liegt im freien Ermessen jedes Volksgerichts.
Die Staatsanwaltschaft ist nicht nur Anklage-
behörde, sie ist zugleich Kontrollbehörde für
den Strafvollzug und für die gesamte Gerichts-

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