Frimmel, Theodor von [Hrsg.]
Blätter für Gemäldekunde — 3.1907

Seite: 40
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BLÄTTER FÜR GEMÄLDEKUNDE.

Nr. 2.

AUS DER LITERATUR.

„Italienische Forschungen, heraus-
gegeben vom Kunsthistorischen Institut
in Florenz“, I. Bd. (Berlin, Bruno Cassirer,
1906, Kl.-Fol.). Das Buch enthält ein Vorwort
von Professor Heinrich Brockhaus, Studien
von Dr. Doren, Francesco Malaguzzi-Valeri
und Dr. G. Ludwig, sowie einen Nachruf für
G. Ludwig, den rasch berühmt gewordenen
Gelehrten, der das Erscheinen dieser, seiner
letzten Arbeit, nicht mehr mit ansehen konnte.
Für die Gemäldekunde ist besonders G. Lud-
wigs Artikel von Bedeutung. Er handelt vom
venezianischem Hausrat zur Zeit der Renais-
sance und widmet besondere Aufmerksamkeit
dem Restello mit Giovanni Bellinis Male-
reien, das sich in Vincenco Catenas Besitz
befunden hat. Die herausgenommenen kleinen
Bilder gehören jetzt der Accademia zu Venedig.
Der Restello oder das „rasteletum“ aber, in
dem sie eingefügt waren, ist nicht mehr vor-
handen und Ludwig mußte sogar dessen Form
nach allerlei Analogien erst wieder im Ge-
danken auf bauen. Ein allgemeiner Zusammen-
hang der Bildchen von Bellini mit dem Restello
bei Catena ist längst schon, und zwar durch
Crowe und Cavalcaselle erkannt worden. Die
methodische Durcharbeitung der ganzen Frage
unter Heranziehung alter Inventare und unter
reichlicher Anwendung vergleichender, ikono-
graphischer Studien ist G. Ludwigs Verdienst.
Ludwig hat viele Dutzende von Inventaren
ausgezogen, in denen Restelli verschiedener
Art, einfache geringwertige und bilderge-
schmückte, geschnitzte oder sonst verzierte
wertvolle erwähnt werden. Danach ist es klar
geworden, daß ein Restello zur Zimmerein-
richtung der wohlhabenden Venetianer gehörte
und daß es eine Art Rechen zum Aufhängen
von Dingen gewesen, die man bei der Toilette
gebrauchte. Mit diesem Rechen war gelegentlich
ein Spiegel verbunden, so scheint es wenigstens,
und manche Analogie, freilich von Ludwig
überschätzt, leitetauch zur Spiegelumrahmung
herüber. In dieser Beziehung sind einige Stellen
in den Inventaren von Belang, die z. B. nennen:
„Un spechio over restello da Camera“ (1532)
und „Üno quadro over restello grande dorado“
(1541). Ludwigs Wiederaufbau hat viel wahr-
scheinliches für sich, doch muß er eines der
ursprünglichen Bildchen als verloren annehmen,
um die Fläche symmetrisch zu füllen. Wollte
man zwei kleine Tafeln als verloren annehmen,
so könnte man im Dreieckrahmen auch eine
andere symmetrische Anordnung finden oder
man könnte bei der Form und Anzahl der er-
haltenen Bildchen verbleiben und sich die
Zwickel mit Zierwerk ausgefüllt denken. Und
noch anderer Möglichkeiten genug. Auf größere

Wahrscheinlichkeit, als die allgemeine Rekon-
struktion des Restello, macht die Deutung der
allegorischen Darstellungen Anspruch, die auf
den erhaltenen Bildchen Vorkommen. Ludwig
benennt die Täfelchen als: die Barke des Glücks,
Prudentia (die nackte aufrechtstehende weib-
liche Figur), die Entlarvung der Schande (die
Männer mit der großen Meerschnecke, dem
„garuzolo“, aus der eine Figur, etwa Gerion,
herausfällt). Ferner deutet Ludwig das Täfel-
chen mit dem feisten und dem mageren Jüng-
ling als den sinnlichen und den tugendhaften
Mann und die sirenenartige Figur als den:
Inbegriff der Tugenden. Der Sinn des Ganzen
zielt auf den Gegensatz von Tugend und Glück.
Die Entstehung der Täfelchen wird von Lud-
wig in die Zeit um 1490 versetzt. Damit wird
er sicher recht behalten.

Ludwig bespricht überdies noch eingehend
die Toilettenutensilien, die zum Restello ge-
hörten und einige Angelegenheiten der vene-
zianischen Haartracht aus der Zeit der besten
Renaissance. An einem wohlausgerüsteten
Toilettespiegel oder einem solchen Restello
hingen eine „Coda“, ein Pferdeschweif, um die
Kämme daran zu stecken, ferner eine Bürste,
„Sedola“, ein Instrument zum Scheiteln, das
„Scriminal“. Vielleicht war dort auch ein
Zobelfell, Zebelin, zu finden, wie es vornehme
Damen über die Schulter warfen. Möglicher-
weise hängte man dort auch den sogenannten
„Profumego“ auf, ein kugeliges Parfümgefäß
oder einen Rosenkranz, der freilich nicht mehr
zur Toilette gehörte. Ludwig bezieht dann
noch die „Sponzarol“, ein Schwammnäpfchen
und allerlei andere Gefäße, wie die „Achanini“
und „Albarelli“ in die Arbeit mit ein. Tücher,
vermutlich zu verschiedenem Gebrauch, die
„Fazuoli“, werden nun besprochen, danach
auch der „Conzer“, das Haarband, die „Scufia“
und der „Balzo“, das sind besondere Hauben-
formen.

Noch möchte ich auf eine Stelle des
Buches (S. 180f.) aufmerksam machen, die
uns den Namen einer rotbrau nenStoffarbe
bekannt macht. Im 15. Jahrhundert war nach
Ludwig eine Farbe für Alltagskleidung sehr
in Mode, die „Mostovalier“ hieß (jedenfalls
nach den Patrizierfamilien Valier und Mosto
benannt). Die Farbe wird in den alten Inven-
taren gewöhnlich als bekannt vorausgesetzt,
aber einmal fügt zum Mostovalier der Notar
noch bei: „over roan“, womit der Hinweis
auf Rotbraun gegeben ist. G. Ludwig hat die
Arbeit nicht druckreif hinterlassen. Nur die
einleitende Quellenkunde lag korrigiert vor
zur Zeit, als Ludwig starb. Die Abhandlung
über den Restello war zur Korrektur bereit.
Die Zusammenstellung für den Druck, sowie
die Erklärung der zahlreichen beigegebenen
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