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Kimpflinger, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 1, Teil 2): Stadt Braunschweig — Braunschweig, 1996

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https://doi.org/10.11588/diglit.44169#0157

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beginnend am Petritor, im Westen der Mada-
menweg und die Broitzemer Straße, die beide
am Hohen Tor ihren Anfang haben, und im
Südwesten die Frankfurter Straße, die von Sü-
den kommend auf das Wilhelmitor zulief. Eine
frühe Verbindung zwischen diesen radial in das
Umland ausgreifenden Fernstraßen stellte die
Goslarsche Straße dar, die vom Hohen Tor aus-
gehend nach Nordwesten am Martinifriedhof
vorbei bis zum Petrifriedhof führte und nach Sü-
den am Friedhof der Reformierten entlang bis
zum Zusammenschluß mit der Frankfurter
Straße verlief. Bis in die achtziger Jahre des
19.Jh. wurde diese gesamte Strecke Goslar-
sche Straße genannt, danach erhielt der vom
Hohen Tor nach Süden führende Teil des
Straßenzuges den Namen Juliusstraße. Um
1870 waren die westlichen Vorstadtbezirke
noch sehr locker bebaut: Nur die vom Petritor
ausgehende, nach Nordwesten die Stadt ver-
lassende Ceiler Straße hatte zu dieser Zeit über
eine kurze Distanz hinweg eine nahezu ge-
schlossene Wohnbebauung, die nach den Ge-
bäuden des Kreuzklosters, der heutigen Justiz-
vollzugsanstalt, beginnend, die als baumbe-
standene Allee gestaltete breite Chaussee bis
etwa in Höhe der heutigen Kreuzung mit dem
Neustadtring begleitete.
Die anderen Straßen und Wege waren zu dieser
Zeit noch weitgehend gesäumt von Gartenland,
auf dem verstreut Sommer- und Gartenhäuser
lagen. Lediglich in der Nähe der Stadttore und
auf Grundstücken, die direkt an die Okerumflut
anschlossen, hatten sich um 1870 bereits eini-
ge Kleinbetriebe wie eine mechanische Spinne-
rei und eine kleine Zuckerfabrik niedergelassen.

INDUSTRIEANSIEDLUNG AM ALTEN
BAHNHOF
Die in Braunschweig eher zögerlich angelaufene
Industrialisierung hatte ihren ersten Kristallisa-
tionspunkt westlich des alten Bahnhofes im
Umfeld der Frankfurter Straße. Hier entstand
neben der Gasfabrik und einer großen Zucker-
raffinerie eine über die Grenzen Braunschweigs
hinaus wirkende metall- und holzverarbeitende
Industrie, wovon besonders die Braunschweigi-
sche Maschinenbauanstalt (BMA) zu überregio-
naler Bedeutung kam. Nördlich und westlich
dieses Industriegebietes entwickelte sich denn
auch die erste geschlossene Wohnbebauung
zwischen Cammannstraße und Juliusstraße so-
wie in der Frankfurter Straße selbst und in der
direkt an das Industriegebiet angrenzenden
Kramerstraße. Hierbei handelt es sich überwie-
gend um schlichten, drei- bis viergeschossigen
Mietwohnungsbau in Ziegelbauweise oder ver-
putzt, der heute durch Modernisierung, bzw.
Wiederaufbau nach Kriegszerstörungen meist
stark verändert ist. Mit einiger zeitlicher Verzö-
gerung ließen sich im Norden und Nordwesten
weitere Industriebetriebe nieder, von denen vor
allem die großen Betriebe der Jute- und Flachs-
spinnereien und die Mühlenbau- und Industrie
AG (MIAG) zu einer allmählichen Intensivierung
der Wohnbebauung auch in den nordwestli-
chen Vorstadtbereichen führte.
In den frühen siebziger Jahren dieses Jh. wurde
in Verlängerung des nördlichen Teiles der
Frankfurter Straße und der Luisenstraße die
vierspurige Münchenstraße neu trassiert, die
seither sowohl als Autobahnzubringer für die

Westtangente fungiert und auch als Ausfall-
straße in südwestlicher Richtung ausgebaut
wurde, eine Funktion, die vordem die Broitze-
mer Straße hatte. Die Broitzemer Straße endet
heute in einem Gewerbegebiet nördlich der
neuen Trasse der Münchenstraße. Die ältesten
der Braunschweiger Industrieansiediungen mit
den zugehörigen Wohngebieten der zweiten
Hälfte des 19.Jh. liegen heute südlich dieser
modernen Erschließungsachse und sind nur
noch in Rudimenten erhalten. Einziges Bau-
denkmal der Braunschweiger Industriege-
schichte in diesem ältesten Industrierevier süd-
westlich des ehemaligen Bahnhofes ist der
massige, in rotem Ziegelmauerwerk aufgeführte
Baukomplex einer ehemaligen Zuckerraffinerie
(Frankfurter Straße 2). Die Fabrikanlage be-
steht aus einem viergeschossigen Hauptgebäu-
de im Norden, an das sich in L-Form zweige-
schossige Nebenbauten im Süden anschließen.
Aufwendig gestaltete, alle Stockwerke umfas-
sende Lisenen rhythmisieren die Fensterachsen
als vertikale Gliederungselemente während ein
einheitlich um das ganze Gebäude umlaufender
Tropfenfries als Dachgesims den Baukomplex
in der Horizontalen zusammenbindet. Mit histo-
risierenden Architekturzitaten sind vor allem die
Eckbauten und deren Fassaden ausgezeichnet:
mit seiner „Doppelturmfassade“ spielt beson-
ders die als Hauptschauseite ausgebildete Ost-
front des viergeschossigen Baukörpers sowohl
auf mittelalterliche Sakralarchitektur als auch
mit ihren zinnenähnlichen Turmenden auf Wehr-
bauten an. Der dieser Fassade vorgesetzte ku-
bische zweigeschossige Anbau ist dem Haupt-
bau stilistisch angepaßt und dem 1900/01 er-
richteten Ursprungsgebäude nur wenig später


Frankfurter Str. 2, ehern. Zuckerraffinerie, Ostseite, 1900/01, Arch. Rasche und Kratzsch

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