Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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anwendbar sein müssen — auch für die schlichteste Auswertung. Nicht die
überspitzte, abseitige Geschmäcklerei, aber ebensowenig das falsche Ideal
der Bedürfnislosigkeit!

Es ist sehr wichtig, daß dieser Unterschied im Auge behalten wird. Der
neue Geist der Heimgestaltung kann sich nur dann in seiner Ausdrucks*
kraft, in seinem inneren Wollen darstellen, wenn er entwickelt wird an
Aufgaben, die über das bloß Notwendige hinausgehen. Spielraum für
Ausdruck — räumlicher und wirtschaftlicher Spielraum — muß gegeben
sein, damit die neue Wohnform wahrhaft zeigen kann, was sie geistig an*
strebt. Hier liegt die ewige, schrittmacherische Bedeutung der künstlerischen
Hochleistung. Sie wird auch in Zukunft nicht aufgehoben sein. Sie wird
im Gegenteil wichtiger sein als je, denn sie ist heute eingesetzt in dem Dienst,
der uns der wichtigste ist: in dem Dienst an der Höherhebung des
Gesamtvolkes. Ihre Bedeutung ist genau dieselbe wie die Bedeutung
der Spitzenleistung im Sport: Nur Wenige werden Inhaber von Rekorden
sein können, aber die Rekordleistung allein ist es, die das Maß abgibt, die
Wetteifer, Anteil und Freude an körperlicher Betätigung im Volke entfacht.

Als ein wesentlicher Punkt kommt ferner hinzu, daß nur die künst*
lerische Hochleistung im Ausland für deutsches Können wirbt. Diese
Werbekraft deutschen Könnens ist nicht nur eine Frage des leeren »Prestis
ges«. Mit ihr hängen die Auslandsaufträge zusammen, wie sie in den
letzten Jahrzehnten so häufig an deutsche Baukünstler und Möbelhäuser
ergangen sind. Ich erwähne hier, daß sich allein die von der »Innens
Dekoration« im Lauf der Jahre vermittelten Auslandsaufträge auf viele
Millionen beziffern; und daß uns gerade heute an Auslandsaufträgen
gelegen sein muß, bedarf keiner weiteren Begründung.

Der Weg, den die neue deutsche Wohnungsgestaltung eingeschlagen
hat, verspricht vor allem auch in dieser Hinsicht günstige Ergebnisse.

Ist die Erneuerung auch zunächst vornehmlich in Deutschland und
Österreich hervorgetreten, so wohnt ihr doch eine Weltgültigkeit inne.
Denn die Wandlungen des sozialen Aufbaus, der gesamten Lebensbe*
dingungen und nicht zuletzt des Denkens, die bei uns zu einer neuen
Heimgestaltung hindrängten, sind gleichsinnig in der ganzen Kulturwelt
eingetreten. Das deutsche Vorgehen im Wohnungsbau, die Ausbildung
jenes Gefühls der »Gesamtverantwortung« entsprechen einer überall gege*
benen Notwendigkeit. Ein vorkämpferisches Vorgehen ist es, welches
sich da ereignet. Es greift Aufgaben an, die früher oder später überall ihre
Dringlichkeit und ihren tiefen Zusammenhang mit dem gewandelten
Lebensgesetz der Kulturwelt erweisen werden.

ALEXANDER KOCH
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