Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKO RATION

AUS DEM CENTRALHOTEL IN BERLIN KORRIDOR-ECKE DER »BERLIN-ETAGE«

NEUE BERLINER HOTELKULTUR

Es liegt in der Art seiner Aufgabe, daß sich für das
Hotelzimmer ein gewisser Typus, ein bauliches
Schema herausbildet. Es muß grundverschiedenen
Menschen für gleiche Verrichtungen dienen, es soll
nicht nur Schlafstelle sein, doch Heimat im Sinne der
persönlichen Note der dem einzelnen gewohnten
Heimstätte kann es auch nicht sein. Aber gastlich
soll es wirken derart, daß der Eintretende sich
irgendwie überrascht, erfreut und angezogen, sein
heimlicher Veränderungsdrang sich angenehm er-
füllt sieht, also das Fremde als Reiz, als Bereiche-
rung, nicht als Beklemmung oder gar als Abstoßung.

Diese Reaktion wird fast immer verursacht durch
jene für Hotelzimmer typische Trivialität der Her-
richtung und Ausstattung, die kaltschnäuzig dafür
sorgt, daß man nicht friert, daß man Bett, Tisch und
Stuhl hat, die aber keine Liebe, keine tiefere Be-
mühung um den Gast verspüren läßt.

Und das ist das Entscheidende, weniger das Was,
als das Wie. Stil und Geschmacksrichtung mögen in
einem Hotelzimmer je nach Landesart verschieden
sein, die liebende Sorgfalt einer auch auf die seeli-

schen Imponderabilien achtenden Beherbergung hat
überall in der Welt die gleiche Kraft der Anziehung,
der Beheimatung, nicht natürlich im Sinne des Ge-
wohnten, sondern verständnisvoller Betreuung.

Zu solcher idealen Fürsorge für den Gast gehört
es, daß außer einem heute selbstverständlichen tech-
nischen Komfort auch ein seelischer Komfort ge-
boten wird. Dieser besteht nicht nur in praktischen
Rücksichten (genügend lange Betten, Ruhe im Hause,
Hilfe bei Erkrankung usw.), sondern ganz besonders
in dem Geborgenheitsgefühl, das das Hotelzimmer
durch seine Stimmung, sein räumliches Fluidum zu
vermitteln weiß. Das hängt von vielen Faktoren
ab, von der Proportionierung des Raumes, von der
Lichtführung, von der Farbgebung, von Form und
Aufstellung der Möbel, ist also eine Frage der Raum-
kunst in tieferem Sinne, d. h. nicht im Hinblick auf
dekorative Effekte, sondern auf seelische Einwir-
kung. Als Beispiel für solche Bemühung sei hier
von der mustergültigen Art gesprochen, in der das
Centralhotel in Berlin unlängst seine dritte Etage
mit 133 Zimmern (150 Betten) völlig umgebaut hat.
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