Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

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GLÜCK IM WINKEL!

ir propagieren seit vielen Jahren die hübsche,
gemütliche »Sitzecke«, bestehend aus Sofa oder
Couch - die jedoch auch fehlen können - und einem
Arrangement bequemer, tiefer Sessel, um einen nied-
rigen Tisch gruppiert. Es ist der ideale Ort, um im
Kreis einiger vertrauter Menschen bei einer Schale
Tee oder Kaffee eine nette Plauderstunde zu ver-
bringen. Jedoch, wie gesagt: in Gesellschaft von ein
paar anderen.

Wenn jene fehlen, wenn wir allein sind und nur in
unserer eigenen Gesellschaft eine zurückgezogene,
geruh- und erholsame Stunde verleben möchten, viel-
leicht nur von unseren getreuesten Lebensbegleitern,
einem Buch und einer Zigarette, in unserem Vor-
haben unterstützt, dann gibt es nichts Trostloseres,
nichts, was für unsere Stimmung bedrohlicher sein
könnte, als eine solche ausgestorbene Sesselgruppe.

Die leeren Sitze mahnen aufdringlich daran, daß
zur »blauen Stunde« etwas fehlt. . . Sie zerreißen
unsere seelische Geschlossenheit, sie erinnern an die
anderen, und sie wecken selbst in der höchst persön-
lich gewählten Zurückgezogenheit ein Gefühl der
Einsamkeit . . . Sie lieben uns nur als Gastgeber, als
Teil des Ganzen, auch wenn er der führende und

stärkste ist. Aber unser eigenes, von allem äußeren
Einfluß gelöstes Ich ist hier fehl am Platz.

Um ihm eine Ferienstunde einzuräumen, die einen
produktiven Wert besitzt, die wirkliche Behaglich-
keit auszulösen vermag, bedarf es einer äußerlich an-
gepaßten Umgebung. Es kann - nein, es ist am
besten ein kleiner, stiller Winkel. Ein einzelner, unser
Sessel, der alle Bequemlichkeit für uns gepachtet
hat: verstellbare Lehne, variable Sitzkissen, die uns
wunschgemäß »erniedrigen« oder »erhöhen«, ein an-
gebautes schwenkbares Tischchen, das Aschenschale
und Zigarettenbehälter aufnimmt. Daneben irgendein
Tisch, ein kombiniertes Möbel, auf dem ein paar unse-
rer Lieblingsbücher griffbereit harren und uns das
Rätselraten der Auswahl ersparen, das eine wandlange
Bibliothek stets aufzugeben scheint. Eine kleine, ver-
einzelte Lampe, indirekt und unaufdringlich, scheint
uns unentwegt zu versichern, daß sie einzig und
allein in unseren persönlichen Diensten steht. Über
unser Reich hinaus spendet sie nur geizig und miß-
mutig ein wenig Helligkeit.

Wir haben das Problem dieser Ecke am idealsten
gelöst, wenn ein zweites, dazugerücktes Sitzmöbel den
ganzen Eindruck zerstört. trude herrmann-berlin
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