Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

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DIE TECHNISCHE WOHNUNG

VON GEORG GUSTAV W1ESZNER

ir wollen nicht abermals von jener Technik
sprechen, die uns phantastisch umgeben würde,
könnten wir einmal Wände, Holz, Stoffe, also
alles das, was vor 50 Jahren auch schon hätte da-
sein können, aus unserer Wohnung wegdenken; wir
wollen uns nur kurz die Vision schaffen von jenem
Gefüge von Eisenträgern, Bleirohren, Kupferdrähten,
das uns bleiben würde, das sich tief in den Boden
unter uns in Kanälen und Kabeln verbohrt und un-
endlich hoch und weit in die Atmosphäre ausstrahlt
und den unbegrenzten Lebensraum des neuen Men-
schen bildet. Diese Vision öffnet uns den Blick für Er-
scheinungen, in denen sich die Art des Neuen: exak-
testes Verdichtet-sein auf Wesentliches, auch in den
traditionellen alten Formen unserer Umgebung zeigt.

Es gibt in allen Zeiten Nöte, und es ist immer Auf-
gabe des künstlerischen Gestalters, aus der Not eine
Tugend zu machen. Die Not des Barockmenschen
war sein allzugroßer Raum, und so begann er mit

seinem Überfluß zu spielen, vergeudete ihn in aus-
schweifenden Kurvaturen, verschwendete ihn in der
Unzahl der Ornamente.

Auf 2 Menschen im 18. kommen 10 im 19. und 150
im 20. Jahrhundert. Das ist das Problem des Lebens
und der Kunst. Der Raum scheint sich zu verengen,
weil seine Benützer sich mehren. Das ist nun die Not:
statt Überfluß Mangel; und sie wird konsequent zur
Tugend: was verströmte, hat sich zu verdichten, an-
einander-, ineinanderzufügen, und das alle Gefüge
sprengende Ornament weicht der alle Gefüge ver-
deutlichenden Proportion als Schönheitsoffenbarung.

Man spielt nicht mehr mit den Dingen, man nimmt
sie wieder ernst. Auch sie selbst spielen nicht mehr
mit dem Leben, sie haben ihm zu dienen.

Was war voreinst ein Schrank?

Im Germanischen Museum stehen zwei herrliche
Truhen-Schränke. Man hat zwei Kästen überein-
andergestellt und so konstruiert, daß jeder einzelne
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