Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

Page: 15
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1935/0027
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

15

DIE FRÜHSTÜCKS-ECKE

Man sagt: »Aller Anfang ist schwer«, aber man
könnte mit gleicher Berechtigung variieren:
»Aller Anfang ist wichtig.« Die Morgenstunden, der
Tagbeginn sind ausschlaggebend für seinen weiteren
Verlauf. Sie sind gleichsam das Sternbild, unter dem
er geboren wird und nach dem man ihm sein Horo-
skop zu stellen vermöchte.

»Er ist mit dem linken Fuß aufgestanden«, deutet
der Volksmund, wenn einer griesgrämig und unlustig
an sein Tagewerk geht. Nur wer an das »Glück in der
Abendstunde über den kleinen Weg« und die unheil-
volle »schwarze Katze am Morgen« glaubt, mißt dieser
Erklärung eine Bedeutung zu. Die anderen suchten
und fanden einen anderen Stern oder Unstern, dessen
Einwirkung weit verständlicher erscheint: die Form
des morgendlichen Frühstücks.

Seine beiden Gegenpole präsentieren sich in der
'rgendwo im Stehen heruntergekippten Schale Kaffee
mit einem verzweifelt heruntergewürgten Brötchen
Und in der verlockend gedeckten, beschwingt-fröh-
lichen, in eitel Harmonie getauchten Frühstücks-
ecke. Ihre Einrichtung und ihr Besitz lassen auf
Lebensklugheit und Daseinskunst schließen.

Denn sie entstand nicht als architektonische Spie-
lerei, vom Horror vacui geboren, sondern entwickelte
sich aus der Erkenntnis ihres Wertes heraus. Sie ist
neben dem Eßzimmer zu vollkommener Selbständig-
keit berechtigt, denn sie verlangt ihre eigenen Gesetze
und trägt ein eigenes Gesicht. Sie umschließt den Auf-
takt des Tages, wie mit der Stimmgabel angeschlagen
bestimmt sie seinen Ton und seinen Verlauf.

Sie will nur Grundakkord und Anregung für die
Geschehnisse des Tages bleiben, schlicht und einfach
in Linie und Form, harmonisch im Zusammenklang,
bunt und heiter in Farbe und Material. Denn kein
Eindruck dieser Umgebung soll uns bedrücken und
beschweren, nichts uns die Spannkraft und die Taten-
lust für die kommenden Stunden rauben.

Wenn wir dem farbenfroh gemusterten Kattun und
Chintz nicht Eintritt in all unsere Wohnräume längst
gewährt hätten, müßten wir sie für die Frühstücks-
ecke entdecken. Ein hübsch bekleidetes Fenster, ein
heiterer Lampenschirm, eine gemütliche Bank, ein
geflochtener Stuhl - mehr ist nicht nötig für das kleine
Reich. Doch gerade den kleinen Ursachen spricht
man die große Wirkung zu . . . trude herrmann
loading ...