Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INN EN-DEKORATION

adolf c. rüdenauer —stuttgart »wohn-essraum« fensterseite

DIE RUHIGE GELASSENHEIT...

Die ruhige Gelassenheit schöner, auf das edle Maß Wie kann der Raum still werden, wenn er Disso-

gerichteter Dinge offenbart unsere geistige Hai- nanzen birgt ? Wie können wir unseren wahren

tung - unsere geschmackliche Festigkeit - unsere Freunden - die in bereitwilliger Dienstbarkeit auf

offene Einstellung zum Leben, ohne Rücksicht auf uns warten - näherkommen, wenn wir sie in der

Mode und konventionelle Bindungen. Die leere Form Wertschätzung unnützem Kram gleichstellen? So

beglückt uns nicht; sie wird zur Qual, wenn sie nicht kann uns das Heim keine Zuflucht werden,

aus dem Gesetz der Zweckmäßigkeit entstanden ist. *

Behaglichkeit und Harmonie - und das ist geistiges Der stille Raum ist es, der uns tröstlich auf-

und körperliches Gesundsein — dulden keine Staub- nimmt. Wand, Boden, Decke haben Träger vorsich-

fänger und Schmutzwinkel, keine öde Pracht und tiger Farbwerte zu sein. Mit feiner Musikalität erfüllt

dekorativen Klimbim, die uns den Atem nehmen und sich der Raum, je klarer die Wand zurücktritt. Form

die Luft verschlechtern. Man strebe zur Ruhe. Es ist und Linie gewinnen an Bedeutung. Ein neutraler

kein Bleiben, wo alle Elemente auf einmal reden. Man Rahmen gestattet stark farbige Betonungen und das

muß sie ordnen und gliedern. Dies setzt die Gabe vor- elastische Widerspiel von Licht und Schatten. Nur

aus, den Raum als Ganzes zu erfassen. Man kann jenes Maß an Zurückhaltung der Farbe, der Form,

hier steigern und vernichten und einzelne Gruppen dem Material gegenüber - das Wissen um den An-

»totstellen«. Man trenne sich von pietätvoll konser- fang, wo das andere schon zu Ende ist, schafft Har-

vierten Dingen, ehe sie zur Gewohnheit werden. Sie monie. Sie teilt sich der Atmosphäre mit und umspült

verdanken ihr nutzloses Dasein - dem Besitzer zum in beglückender Ruhe Leben und Dinge. Mit wachem

Schaden — lediglich einer falschen Sentimentalität. Gefühl wird sie jeder erspüren. a. c. Rüdenauer
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