Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

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ARCHITEKT VLADIMIR GREGR-PRAG »WOHNZIMMER« BLICK ZUM KAMIN

ARBEITSGRUNDSÄTZE EINES ARCHITEKTEN

VON VLADIMIR GREGR

Die Malerei arbeitet mit Farben, die Bildhauerei
mit Ton und Stein. Beide Künste - die man nicht
umsonst »freie« Künste nennt - bewegen sich unge-
bunden und sozusagen egoistisch, nur nach der Vision
des Schöpfers, im Raum der künstlerischen Schau.

Die Baukunst steht in viel dichteren Zusammen-
hängen. Hier macht nicht nur der bildnerische Stoff
Schwierigkeit (das Technisch-Konstruktive, das be-
herrscht werden muß), es gliedern sich in den bilden-
den Verlauf noch viele andere Dinge und Kräfte ein,
die der »freie« Künstler nicht kennt: Lage, Klima,
Kostenfragen, nicht zuletzt die menschliche Eigenart
dessen, der die Sache besitzen und benutzen soll. Des-
halb ist die Architektur eine so lebensvolle Kunst,
weil sie so eng mit allen Handlungen, Sorgen, Kennt-

1935. XII. 2

nissen der zeitgenössischen Menschheit vertraut ist,
deutet sie so oft führend die Richtung an, in der sich
die menschliche Gestaltung auf allen möglichen Ge-
bieten voranbewegen will. Wie ein Barometer kün-
digt sie oft das, was werden soll, an und gibt ganzen
Zeitaltern nicht nur ihr bestimmtes Gepräge, sondern
auch ihren Namen.

Soll die Architektur stets auf der Höhe dieser ihrer
Aufgabe sein, so muß der Architekt eine möglichst
vollkommene Übersicht über das Gesamtgebiet
menschlichen Schaffens besitzen; hauptsächlich aber
muß er praktischer Psychologe sein.

Die Wohnung, das Haus sind dafür vorherbestimmt,
daß der Bewohner einmal, früher oder später, seine
menschliche Eigenart auf sie überträgt. Psychologe
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