Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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DINGE UM UNS

VON WILHELM MICHEL

ir betrachten den Hausrat, der uns umgibt, ge-
meinhin nur unter dem Gesichtspunkt von:
zweckmäßig und unzweckmäßig oder von: künstle-
risch gut und schlecht. Wir können ihn aber auch
unter einem andern Gesichtspunkt betrachten, und
dieser ergibt sich aus der Frage: Ist dieses Gerät, diese
Wandfarbe, dieses Raumgebilde meinem Lebensge-
fühl förderlich oder abträglich ? Regt es mich an oder
bedrückt es mich? Man kommt bei dieser Frage-
stellung auf eine Seite an den Dingen, die man fast
ihre sittliche Haltung nennen könnte. Statt der bloßen
Frage »Gut oder Schlecht« steht auf einmal auch
die Frage »Gut oder Böse« da. Hat sie einen Sinn?

Ich kam einmal in ein Haus, das von einem nam-
haften Architekten ausgestattet war. Aus irgend-
einem Grunde mußte ich im Empfangszimmer der
Hausfrau eine Weile warten. Das war ganz in Violett
gehalten. Möbelbezüge, Vorhänge, Teppich - alles
violett, in einem tiefen, prächtigen Ton. Es machte
Eindruck, als ich hereinkam. Aber nachdem ich eine
Zeit gesessen hatte, wurde mir die Farbe lästig. Sie
reizte das Auge und bedrückte zugleich die Stim-
mung. Der Blick hatte an ihr kein Ausruhen, und sie
rief keine freundlichen Gefühle hervor. Kurz, als
die Hausfrau wieder erschien, bat ich sie, das Ge-
spräch in einem andern Raum fortzusetzen. Sie war
erst von dem Wunsch betroffen, und dann gestand
sie mir, es sei ihr mit dieser Farbe schon ähnlich er-
gangen; sie möge sie nicht leiden und habe sich schon
entschlossen, sie zu ändern.

Natürlich macht sich die Wirkung der Farben
nicht erst bei so lautem Vortrag wie in diesem Falle
geltend. Sie ist immer gegeben. Jeder Mensch kann
an sich erfahren, daß zum Beispiel Blau vorm Auge
zurückweicht und die Räume weiter macht, daß Rot
oder Gelb vordringen und die Räume verengern, daß
Gelb im helleren Ton geistig ermuntert, während
Grün angenehm dämpft. Diese Einwirkungen gehen
bis ins Verschwiegene, bis ins Unbewußte; darum
müssen wir die Farben in unsrem Heim prüfen, ehe
wir uns ihnen dauernd ausliefern.

Mit den Linien und Formen ist es das gleiche wie
mit den Farben. Den Unterschied zwischen ruhigen
und unruhigen, bewegten und schlaffen Linien, etwa
bei Mustern von Tapeten und Geweben, empfindet
wohl jeder; ebenso den Unterschied zwischen leichten
und massigen, schlanken und gedrungenen Möbel-
formen. Aber die Unterschiede gehen auch darüber
hinaus, ins Geistige. Es gibt in Linien, in Möbel-
formen Leichtsinn und Schwermut, Geistreichelei und
Stumpfsinn. Es gibt Volksfremdes und Volkseignes
in ihnen. Es gibt Möbelabmessungen, die in ihrer
Überfülle belästigen, und andre, die in ihrer ge-
spreizten Knappheit förmlich einen schnarrenden
Sarkasmus entfalten. Es gibt in den Formen Schmach-

tendes und Sentimentales, es gibt in ihnen Trocken-
heit und Gemütskälte. Man muß bedenken: Jeder,
der Möbel entwirft, gibt ihnen unweigerlich sein
eignes Wesen mit. Ob er Einfaches oder Anspruch-
volles, Sachliches oder Spielerisches macht - stets
ist das Gediegene oder Ungediegene seiner inneren
Natur darin niedergelegt. Darum ist genaue Prüfung
notwendig: Spricht aus dem Gerät ein Geist, der mir
freundlich ist, oder ein Geist, dem ich sonst im Leben
lieber ausweiche?

Es gibt für die Beantwortung dieser Frage natür-
lich keine einmalige, allgemeingültige Richtschnur.
Wir sagen zum Beispiel, daß Blau als Wandfarbe
»erkältet«. Heißt das, daß Blau unter allen Umständen
zu meiden sei ? - Keineswegs. Es kann sein, daß
jemand gerade eine kühle Raumstimmung wünscht
oder daß er einen engen Raum mit Hilfe des Blau
weiter erscheinen lassen will. Es kann auch der Fall
vorliegen, daß jemand im einen Raum die Farben
der warmen, im andern die Farben der kalten Reihe
verwendet, weil er in seinem Farben-Erleben so ent-
wickelt ist, daß er verschiedene Raumstimmungen
nebeneinander zu schätzen weiß. Und was die For-
men anlangt, so werden zum Beispiel geistig ver-
feinerte Menschen an sachten, gemessenen Hausrat-
formen eine Befriedigung finden, die andre, derbere
Charaktere nicht begreifen können. Und wenn diese
ihrerseits die gedrungenen, handfesten Körper im
Hausrat lieben, Sessel mit Ledergurten, Vorhänge aus
kräftigem Bauernleinen, handgewebte Teppiche -
so wird es daneben immer auch Menschen geben, die
eine etwas verdächtige Eleganz als sich zugehörig
empfinden. Und außerdem gibt es auch Leute wie
jene amerikanischen Millionäre, die ihre Wohnung
im Stil der oberen Vierhundert einrichten lassen, aber
sich daneben einen Raum nach Wildwestart auf-
bauen lassen, mit Wänden aus Baumstämmen, unge-
hobelten Tischen, Bärenfellen auf Schemeln und
mächtigen, grobgemauerten Kaminen. Warum ? -
Weil außer dem Geld- und Gesellschaftsmenschen
noch etwas Einfacheres, Ursprünglicheres in ihnen
lebt, das sich hier und da, um nicht unterzugehen, in
primitiver Raumform erfrischen will. Wohnen ist
eben etwas andres als ein bloßes Behaustsein, Woh-
nen heißt leben mit einer Dingwelt, die einen be-
stimmten Ausdruckswert hat und die die Sache
unsres gesamten Daseins fördern soll. Unter gleich
guten, gleich zweckmäßigen Möbelformen wird doch
für den einen dieses, für den andern jenes richtig, das
heißt: lebensförderlich sein.

Dinge sind nicht tot. Sie haben ein Leben, einen
Willen, dem sich keiner auf die Dauer entziehen
kann. Darum gilt es, wo sie Hausgenossen werden
sollen, ihnen nicht nur im Ästhetischen, sondern
auch im »Sittlichen« den Puls zu fühlen. — w. M.
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